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12. Juni 2026
Wenn einer eine Reise tut …
Eine Buchreise durch Raum und Zeit
In manchen Mediatheken begegnet man Zusammenstellungen von so genannten Road-Movies. Per Definition meint das Filme , in denen die Hauptdarsteller tatsächlich viel unterwegs sind und menschliches Leben praktisch als Wander-Existenz anschaulich wird.
Schon früher haben wir in unserem Blog beschrieben, dass auch Bücher große Wanderungen absolvieren können. Wenn sie ein entsprechendes Alter mitbringen, werden sie also gewissermaßen zu „Road-Books“. Mit ihnen lassen sich mehr oder weniger freiwillige Expeditionen nachvollziehen. Reisen und Wandlungen von Menschen und Menschengruppen.
In unserem aktuellen Blog nutzen wir die erfolgreiche Restaurierung einiger unserer alter Bücher für die Schilderung einer dramatischen Reise. Tatsächlich befinden sich bei uns 29 Bände mit dem Besitzeintrag des alten Observantenklosters in Eger. Eine Stadt in Tschechien, die heute Cheb heißt.
Für eine „Reise“ von Cheb nach München muss man eigentlich „nur“ rund 250 Kilometer hinter sich bringen. Unsere Bücher verweisen aber noch viel stärker auf die abenteuerliche und wechselhafte Geschichte der verwaltungsmäßigen Zuordnung des Franziskanerklosters, in dem es einmal stand. Ohne das Haus zu verlassen, gehörten unsere Bücher nach Sachsen, ins Elsaß, nach Böhmen und dann schließlich nach Bayern. So war es eigentlich die Welt um die Bücher herum, die ständig auf der Reise war.
Das Franziskanerkloster in Eger wurde Mitte des 13. Jahrhundert gegründet und gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz. Im Jahr 1465 schloss es sich der Reformrichtung der Observanz an. Die spirituelle Neuausrichtung war offenbar gepaart mit einer intellektuellen Erneuerung. Das ist durch eine Sichtung der heute in Prag liegenden Handschriften dieses Klosters bereits bekannt (Anm. 1)).
Dazu passt das, was in den Inkunabeln in unserer Bibliothek in München sichtbar wird: ein sehr reges Interesse an humanistischer Literatur. Denn unter unseren frisch restaurierten Büchern aus Eger befinden sich auch acht Sammelbände, in denen mit 48 Inkunabeln und 13 Postinkunabeln gezielt Werke von Autoren der klassischen Antike bis zum Humanismus zusammengebunden wurden. Die einzelnen Drucke stammen mehrheitlich aus den Leipziger Werkstätten von Konrad Kachelofen und Martin Landsberg. Besonders auffällig ist die Häufung der rhetorischen Werke des aus (Zufall?) Eger stammenden Humanisten Paul Schneevogel, der sich lateinisch „Niavis“ nannte. Ganz bewusst wurden seine Werke mit anderen Texten klassischer Autoren, aber auch mit Abhandlungen zu Grammatik und Rhetorik zusammengebunden – humanistische Schätze und äußerst rare Druckwerke, die heute weltweit nurmehr in wenigen Bibliotheken nachweisbar sind.
Ein ganzes Bündel an Forschungsfragen tut sich auf: Wann genau kamen diese Drucke nach Eger und wem dort ist diese humanistische Sammelleidenschaft zu verdanken?
Anders als in anderen Inkunabelbänden fehlen zumeist frühe Besitzeinträge, sodass sie vielleicht schon um 1500 in das Franziskanerkloster gekommen sind. Dort ist eine eigene Buchbinderei nachgewiesen: Wäre es sogar möglich, dass die verschiedenen Drucke erst dort zusammengebunden wurden?
Treffen wir also in Eger auf besonders bildungs- und lesehungrige franziskanische Ordensmänner? Unsere Bücher schreien geradezu nach weiterer Erforschung! Doch wie kamen sie eigentlich nach München?
Blicken wir auf die weitere Geschichte des Klosters in Eger, die von vielen Wechseln bestimmt war. Die Reformation überstand das Haus zwar mit Mühe und Not, kam dann aber im Jahr 1603 in die Zuständigkeit der Straßburger Ordensprovinz und dann während des Josephinismus am Ende des 18. Jahrhunderts in die der Böhmischen Franziskaner. Es überlebte dann die Wechselfälle des 19. und 20. Jahrhunderts. Spätestens im Jahr 1951 beendeten die Kommunisten endgültig die Existenz des Hauses als Kloster
Irgendwann nach 1784 müssen die jetzt bei uns aufbewahrten Bücher ihre Reise nach München angetreten haben. Da es die Bibliothek in St. Anna erst seit 1827 gibt, kann das nur danach gewesen sein. Denkbar wäre etwa die Zeit nach 1938, als das Sudetenland besetzt und die Tschechoslowakei gewaltsam an das Deutsche Reich angeschlossen wurde. Cheb und vier weitere böhmische Klöster wurden damals unter die Verwaltung der Bayerischen Franziskanerprovinz gestellt: Unter anderem war der im Jahr 1942 im KZ Dachau getötete bayerische Franziskaner P. Petrus Mangold zeitweilig für das sudetendeutsche Kommissariat zuständig und der Provinzial der Bavaria, P. Amandus Sulzböck, war in diesem Jahr Visitator des sudetendeutschen Kommissariates. Diese direkten Beziehungen nach Bayern wären eine mögliche Erklärung dafür, dass sich ein Teil des Altbestands aus Cheb heute in München befindet.
Im übertragenen Sinne sind unsere „Road-Books“ im Laufe der Jahrhunderte von Sachsen aus nach Straßburg, von dort nach Böhmen und dann nach Bayern gewandert, bevor sie schließlich auch physisch den Standort gewechselt und von Eger (Cheb) die Reise nach München angetreten haben. Damit schließt sich, eigenartiger Zufall der Geschichte, ein Kreis: Sie sind jetzt wieder in der Hand einer deutschen Franziskanerprovinz, in der im Jahr 2010 auch die Sächsische Franziskanerprovinz aufging.
Und wenn ihr mehr wissen wollt über die Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz: In diesem Frühjahr ist der Band der Provinzgeschichte erschienen, der nachvollziehbar macht, warum eine Ordensprovinz zwar den Titel "Sächsisch” trug, aber überhaupt nicht mehr in Sachsen aktiv war.
1) Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Reformation, hg. von Volker Honemann. Paderborn 2015, S. 715-730.
12. Mai 2026
„Hoch soll er leben!“
Ein altes Wort mal neu gelesen
In diesem Jahr steuern die franziskanischen Jubiläen auf ihren Höhepunkt zu: Am 3. Oktober jährt sich der Tod des Franziskus zum 800. Mal. Dabei ergibt sich eine etwas eigentümliche Schwierigkeit: Was genau sollte an diesem Tag eigentlich „gefeiert” werden? Mal ehrlich: Bizarr würde wohl anmuten, wenn gesagt wird: Wir feiern, dass Franziskus 800 Jahre tot ist!
So neu ist dieses Problem allerdings nicht! Und die franziskanische Feierkultur hat schon vor sehr, sehr langer Zeit eine erfrischende und quietschlebendige Lösung dafür gefunden.
In dem franziskanischen Brevier in unserer Bibliothek, das bereits um 1235 entstand und das eines der ältesten franziskanischen Breviere überhaupt darstellt (-> Oktober-Blog), suchen wir beim Blick in das vorangestellte Kalendarium den Begriff des Todestages des Franziskus vergeblich. Nicht verwunderlich, meistens sind Heilige in solchen Kalendarien auch nur mit ihren Namen eingetragen. Nicht aber der hl. Franziskus! An den „vierten Nonen des Oktober“ (mittelalterliche Tageszählung = 4. Oktober) steht: Nativitas beati patris nostri Francisci ordinis fratrum minorum fundatoris et primi ministri (Geburt unseres heiligen Vaters Franziskus, des Gründers und ersten Ministers des Ordens der Minderbrüder). Nativitas! Das heißt übersetzt: Geburtstag!
Den Tod als eigentliche Geburtsstunde eines Christen zu deuten, ist ein zutiefst mittelalterlicher Gedanke. Viele Zeitgenossen des Mittelalters kannten ihren Geburtstag nicht. Wichtiger waren der Namenstag und der Sterbetag als Eintrittsdatum ins himmlische Jenseits.
Wir wissen nicht, wer der Schreiber unseres Breviers war und welcher Vorlage er sich bedient hat. Ob er Franziskus und seine Gefährten noch kennengelernt hat?
In jedem Fall bringt er auf den Punkt, was auch die frühen Quellen schildern, die das Sterben und den Tod des Franziskus beschreiben: Für diese war die Sterbestunde des Ordensvaters ein Übergang in den Himmel, also ein Transitus. Sie waren sicher: Dieser Tod war kein Ende, sondern erst der Anfang! Auch in späteren franziskanischen Kalendarien des Mittelalters wird der Todestag des Franziskus häufig mit Nativitas oder Natalis umschrieben: Kaum etwas fasst sowohl seine Lebensbejahung als auch die Lebendigkeit seines Vermächtnisses besser zusammen.
Wenn die franziskanische Familie also dieses Jahr den Höhepunkt der Jubiläen feiert, heißt die Botschaft: Hoch soll er weiterleben! – und nicht: Schade, dass er tot ist.
Unter „LebensKunst. 800 Jahre Franz von Assisi“ wird am 24. Mai im Domquartier in Salzburg eine vom Dommuseum gemeinsam mit dem Verein Franziskanische Forschung kuratierte Ausstellung eröffnet, die sich genau diesem aktuellen Vermächtnis in seinen vielen bunten Facetten widmet. Schon Titel und Plakatmotiv drücken dasselbe aus wie unser Brevier: Franziskus ist auch 800 Jahre nach seinem Tod noch immer quicklebendig!
In der Salzburger Ausstellung wird übrigens ein anderes franziskanisches Brevier zu sehen sein, das den Festtag des Franziskus ebenfalls als „Nativitas“ deutet, aber aus noch ganz anderen Gründen hoch spannend ist (ganz sicher werden wir noch darüber schreiben).
Neugierig geworden?
Besucht die Ausstellung in Salzburg!
15. April 2026
Die Stimme des Poverello
Eine große Wiederentdeckung zum 75. Geburtstag
Der stürmischen Anfangsphase folgten dann in weiteren Abständen: „Der Bund des heiligen Franziskus mit der Herrin Armut“ (1966), „Die Dreigefährtenlegende des heiligen Franziskus von Assisi von Bruder Leo, Rufin und Angelus“ (1972) und schließlich als eine Art Nachzügler „Julian von Speyer: Leben des heiligen Franziskus“ (1989).
Eigentlich nicht Teil der Reihe, aber in ganz engem inhaltlichen Zusammenhang stand das im Jahr 1955 veröffentlichte „Werkbuch zur Regel des heiligen Franziskus“. Die Verbindung wurde durch die gleiche äußere Gestaltung wie die der anderen Bände unterstrichen. Außerdem setzte das Werkbuch inhaltlich das Vorhaben fort, aus einer besseren Kenntnis der frühen Quellen eine zeitgemäßere Form franziskanischen Lebens in der Gegenwart zu finden.
Kurz vor Ostern sind nun Restbestände des schon seit Jahren geschlossenen und abgewickelten Dietrich-Coelde-Verlags nach München umgezogen. Darunter: etliche Exemplare der genannten Quellenschriften. Wir haben alle Bände und Auflagen schon in unserer Bibliothek und sammeln bewusst keine Dubletten. Dennoch wollten wir alle Quellenschriften jetzt einmal zusammenziehen. Nicht um sie zu horten, sondern in gute Hände abzugeben. Denn auch wenn es seit dem Jahr 2009 eine neue, vollumfängliche Ausgabe der Franziskus-Quellen gibt, stellen die alten Bände auch 75 Jahre nach ihrem Erscheinen noch immer eine bereichernde Lektüre dar!
Jeder, der in unserer Münchener Bibliothek vorbeikommt, kann sich die alten Quellenschriften mitnehmen. Wir verschenken sie gerne. Eine Auswahl steht jetzt schon in der öffentlich zugänglichen Pforte des Franziskanerklosters St. Anna.
Wer ganz sicher gehen will, kann sich auch vorher anmelden: einfach per Telefon (089-21126-135) oder per Mail ([email protected]) und einen Abholtermin vereinbaren. Per Post können wir leider nichts zuschicken. Aber dafür verschenken wir die Bücher auch! Spenden sind natürlich immer willkommen, aber keine Verpflichtung. Und: Wer mehr als ein Buch mitnehmen will: herzlich gerne!
Warum wir das so machen? Wir glauben, dass es heute – nach 800 Jahren – immer noch aufregend ist, die Stimme des Mannes aus Assisi in ihren frühesten Zeugnissen zu hören.
Neugierig geworden? Verfolgt unseren Blog!
Der stürmischen Anfangsphase folgten dann in weiteren Abständen: „Der Bund des heiligen Franziskus mit der Herrin Armut“ (1966), „Die Dreigefährtenlegende des heiligen Franziskus von Assisi von Bruder Leo, Rufin und Angelus“ (1972) und schließlich als eine Art Nachzügler „Julian von Speyer: Leben des heiligen Franziskus“ (1989).
Eigentlich nicht Teil der Reihe, aber in ganz engem inhaltlichen Zusammenhang stand das im Jahr 1955 veröffentlichte „Werkbuch zur Regel des heiligen Franziskus“. Die Verbindung wurde durch die gleiche äußere Gestaltung wie die der anderen Bände unterstrichen. Außerdem setzte das Werkbuch inhaltlich das Vorhaben fort, aus einer besseren Kenntnis der frühen Quellen eine zeitgemäßere Form franziskanischen Lebens in der Gegenwart zu finden.
Kurz vor Ostern sind nun Restbestände des schon seit Jahren geschlossenen und abgewickelten Dietrich-Coelde-Verlags nach München umgezogen. Darunter: etliche Exemplare der genannten Quellenschriften. Wir haben alle Bände und Auflagen schon in unserer Bibliothek und sammeln bewusst keine Dubletten. Dennoch wollten wir alle Quellenschriften jetzt einmal zusammenziehen. Nicht um sie zu horten, sondern in gute Hände abzugeben. Denn auch wenn es seit dem Jahr 2009 eine neue, vollumfängliche Ausgabe der Franziskus-Quellen gibt, stellen die alten Bände auch 75 Jahre nach ihrem Erscheinen noch immer eine bereichernde Lektüre dar!
Jeder, der in unserer Münchener Bibliothek vorbeikommt, kann sich die alten Quellenschriften mitnehmen. Wir verschenken sie gerne. Eine Auswahl steht jetzt schon in der öffentlich zugänglichen Pforte des Franziskanerklosters St. Anna.
Wer ganz sicher gehen will, kann sich auch vorher anmelden: einfach per Telefon (089-21126-135) oder per Mail ([email protected]) und einen Abholtermin vereinbaren. Per Post können wir leider nichts zuschicken. Aber dafür verschenken wir die Bücher auch! Spenden sind natürlich immer willkommen, aber keine Verpflichtung. Und: Wer mehr als ein Buch mitnehmen will: herzlich gerne!
Warum wir das so machen? Wir glauben, dass es heute – nach 800 Jahren – immer noch aufregend ist, die Stimme des Mannes aus Assisi in ihren frühesten Zeugnissen zu hören.
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Bild links: Detail aus Cimabue, Fresko der thronenden Madonna mit Kind, Engeln und dem hl. Franziskus, Assisi, San Francesco, Unterkirche.
(c) Public domain.
04. März 2026
Patient des Monats
Alter Franziskaner mit Rückenleiden sucht Buchpatin
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Oder der Restaurierung. Ihr erinnert Euch: Gut 20 Inkunabelbände gelten nach unserer Restaurierungsaktion als nicht benutzbar und müssen bis auf Weiteres aus dem Verkehr gezogen werden. In loser Folge möchten wir diese „Patienten“ vorstellen. Dabei ist es uns wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass jeder von ihnen seine eigene Geschichte mitbringt! Heute drückt jeder einfach am Computer einen Knopf und der Drucker spuckt ein Blatt Papier aus. Und wenn es mir nicht gefällt, werfe ich es ins Altpapier. Wir dagegen sprechen von Druckerzeugnissen, die von Fachleuten in monatelanger Handarbeit erstellt wurden und die dann für Jahrhunderte im Umlauf waren.
Den Anfang soll ein echter Franziskaner-Bestseller machen: Franciscus de Mayronis († 1328). Er stammte aus der Provence, trat in den Franziskanerorden ein und studierte in Paris Theologie, wo er Schüler seines berühmten Ordensbruders Johannes Duns Scotus wurde. Franciscus selbst tat sich bald als so geistreicher Theologe und Philosoph hervor, dass er von seinen Zeitgenossen als „doctor acutus“ (scharfsinniger Lehrmeister) bezeichnet wurde. Unser „Patient des Monats“ enthält einige von Franciscus‘ kleineren Werken, seine Heiligenpredigten und verschiedene scholastische Abhandlungen u.a. über Taufe und Buße, über das Jüngste Gericht, über Magnificat und Pater Noster. Es wurde 1498 in Basel vom Buchdrucker Jakob Wolf herausgegeben.
Offenbar waren Mayronis' Werke seit ihrer Entstehung damals echte Bestseller und haben auch nach dessen Tod noch ihre Leser gefunden! Zu sehen nicht nur daran, dass man es über 150 Jahre nach dem Tod von Franciscus Mayronus für eine gute Idee hielt, diese Sammlung gedruckt herauszugeben. Dafür spricht außerdem auch, dass davon weltweit heute noch in 114 Bibliotheken auf vier Kontinenten nachweisbar ist, und das teilweise mit mehreren Exemplaren. Offenbar hat man davon viele in Umlauf gebracht.
Soweit wir wissen, hat unser Exemplar Europa zwar nie verlassen, weit gereist ist es in seiner Jugend aber schon.
Der original erhaltene Einband erzählt uns, dass die Inkunabel in der Werkstatt des rund 450 Kilometer von Basel entfernten Zisterzienserklosters Bildhausen (Münnerstadt, Lkr. Bad Kissingen) gebunden wurde. In die beiden Spiegel klebte
man dabei altes, bereits beschriebenens Pergament. Diese Pergamentfragmente stammen aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts mit einem kirchenrechtlichen Kommentar.
Im Jahr 1535 gehörte unser Buch dann einem Erhardus Cast, der leider nichts über sich verrät. War er ein Geistlicher oder gebildeter Stadtbürger? Das wissen wir leider nicht. Wir wissen nur, dass unser Buch weiterreiste und 1632 auf nicht näher bekanntem Weg ins Kloster Engelberg am Main gelangte, wo es die dort gerade erst eingezogenen Kapuziner in ihre Bibliothek aufnahmen. Vielleicht hat es der ein oder andere Bruder gelesen, denn vereinzelt finden sich neuzeitliche Anmerkungen an den Rändern. Mitsamt dem Kloster übernahmen schließlich die Franziskaner, die nach der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Ort wiederbelebten, auch die Bibliothek. Dass unser Buch irgendwann im 20. Jahrhundert nach München gelangte, verrät unser alter Bibliotheksstempel.
Die lange Reise hat sichtbare Spuren an dem Buch hinterlassen. Hitzeschaden, Wurmfraß und Schmutz haben ihm zugesetzt. Unser Patient hat’s aber vor allem im Rücken. Die Rückengelenke sind gebrochen und der Rücken ist so beschädigt, dass er irgendwann in den letzten hundert Jahren provisorisch mit Klebeband verstärkt wurde. Da war wahrscheinlich die letzte Lage des Buchblocks schon verloren, weshalb unsere Franciscus de Mayronis-Inkunabel unvollständig ist. Nichts hält so lange wie ein Provisorium, heißt es immer, aber in unserem Fall konnte auch das Klebeband ein Ausbrechen des Buchblocks nicht verhindern, was das Buch unbenutzbar macht.
Da liegt er nun, unser Patient des Monats! Aber Rückenpatienten sollten ja bekanntlich nicht zu lange herumliegen. Vielleicht findet sich ja eine Patin oder ein Pate, der hilft, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Für eine Restaurierung sind 50 Arbeitsstunden veranschlagt. Wer Interesse hat, hier mitzuwirken, bitte gerne bei uns melden. Danke!
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09. Februar 2026
Unbezahlbar
Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit
Menschen lieben Geschichten über spektakuläre Schriftfunde. Aus dieser Faszination für die Entdeckung von verschollenem Schriftgut speist sich eine Reihe realer und fiktiver Dramen. Ehrlich gesagt ist die Wirklichkeit bibliothekarischer Arbeit allerdings weitaus weniger dramatisch. Tatsächlich geht das ganze Bemühen nicht zuletzt darum, die Anzahl solcher aufwühlenden Momente möglichst klein zu halten. Dem dient vieles, wovon wir in unserem Blog seit einem Jahr unter den Stichwörtern “Rettung unserer Bücher” oder “lost persons” berichtet haben. Also nicht zuletzt Verzeichnung und Bestandserhaltung alter Schriften.
Das erzeugt ein Problem, wenn es darum geht zu begründen, warum man eigentlich Geld für den Erhalt dieser alten Dinge ausgibt. In diesem Blog erfahrt Ihr etwas über unsere Einstellung zum Umgang mit alten Büchern.
Anlass ist eine erfreuliche Nachricht: Die Aktion zur Rettung unserer Bücher ist praktisch abgeschlossen. Am Freitag, den 31. Januar haben wir dem Restaurator das Geld für seine Arbeit überwiesen. Die Sache hat rund 10.700 € gekostet. Toll dabei ist, dass wir durch die Koordinierungsstelle für den Erhalt des schriftlichen Kulturgutes (KEK) gefördert wurden. Die haben 70 Prozent der Kosten übernommen. Auch an dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung!
Das wirft eine Frage auf, die wir bisher noch nicht besprochen haben: Warum ist es überhaupt eine gute Idee, alte Bücher retten zu wollen? Oder: Warum sollte man Geld dafür ausgeben, um Bücher zu retten, die heute kaum noch irgendwer lesen wird? Konkretes Beispiel: Wer liest heute noch eine 1479 gedruckte lateinisch-deutsche Ausgabe des Hohelieds? Also mit anderen Worten: ein fast 550 Jahre altes Buch mit einer Sammlung von Liebesliedern, die mindestens 2.500 Jahre alt ist? Darauf eine Antwort zu geben, ist die Herausforderung und nicht selten das Leiden aller im Bibliotheksbereich schaffenden Menschen. Aktuell läuft im Hintergrund, fernab der öffentlichen Wahrnehmung, ein ziemlich harter Kampf zu diesem Thema. Die Schlachtfelder sind die Etatberatungen und die Neustrukturierung der Organigramme großer Institutionen, Verbände und Gemeinwesen.
Um einem Gerücht von Anfang an direkt entgegenzuwirken: Den Freundinnen und Freunden des alten Schriftgutes geht es keinesfalls um Sentimentalität für alte Sachen oder Schrifterzeugnisse insgesamt. Das Anliegen ist viel eher die Pflege von Ressourcen.
Ressourcen?? Damit verbinden die meisten natürlich vor allem die Sorge um das Klima oder Rohstoffe. Es hat sich herumgesprochen, dass etwa Luft, Wasser, Bodenschätze, Wälder oder bewohnbarer Lebensraum auf dem Planeten Erde begrenzte Güter sind. Manches davon wächst nach, manches aber auch nicht. Und wenn es um das Thema Wachstum geht, kommt der Faktor Zeit ins Spiel. Einige dieser Ressourcen hatten nach menschlichen Maßstäben unvorstellbar viel Zeit, um zu entstehen und zu reifen. Es steht in keinem Verhältnis dazu, wie schnell sie verbraucht werden können.
Unsere Überzeugung ist es nun, dass es auch immaterielle, geistig-kulturelle Ressourcen gibt. Und hier gilt genau das Gleiche! Nicht nur sind viele alte Bücher alleine durch ihre Beschaffenheit oft per se komplexe historische Objekte, die eine Fülle an Informationen über die Vergangenheit liefern. Sie überliefern uns, wie sich Menschen den Herausforderungen des Lebens in ihrer Zeit gestellt haben. Kurzum: Es geht um die Lebenswirklichkeit und Lebenserfahrung vergangener Generationen. Freundlicherweise haben diese uns Erinnerung daran hinterlassen, damit wir nicht bei Null anfangen müssen. Die Erfindung der Schrift und später des Buches haben nur dafür gesorgt, dass diese Erinnerung noch haltbarer wurde. Das macht alte Schriften zu Trägern von geistiger Ressource. Aber natürlich: haltbar meint keinesfalls unzerstörbar.
Es so zu sehen, rückt das Berufsbild des Bibliothekars oder der Bibliothekarin in die Nähe jener Tätigkeiten, die mit Pflege und Aufzucht in Langzeitdimensionen zu tun haben. Es klingt herrlich schräg, ist aber nicht komplett abwegig: In dieser Hinsicht haben Bibliothekare Gemeinsamkeiten mit Förstern! Sie pflanzen, pflegen und entwickeln etwas, das sie selbst in ihrem Leben gar nicht werden ernten können.
Das Drama des Geistes ist dabei, dass das, was einmal vergessen wurde, auch nicht mehr vermisst werden kann. Was spurlos fehlt, ist einfach weg. Die Herausforderung für die Bibliothekare: entscheiden, was möglicherweise doch noch einmal eines Tages Ertrag und Nutzen wird bringen können.
Nehmen wir das angesprochene lateinisch-deutsche Hohelied aus dem Jahr 1479. Wie es ausschaut, gibt es diesen Druck nur bei uns, denn tatsächlich ist er derzeit weltweit in den einschlägigen Katalogen nur bei uns nachweisbar. Eine deutsche Ausgabe eines alttestamentarischen Textes über die Liebe, gedruckt zu einer Zeit, als deutsche Bibeln noch keine Selbstverständlichkeit waren. Was für eine Ressource!
Und darin steht ein echter Satz Weltliteratur, den man möglicherweise auch auf den Umgang mit Kulturgut anwenden kann. Wert ist immer mehr als Handelswert. Im Leben der Menschen gibt es Werte, die sind mit Geld nicht zu bezahlen. Oder in den Worten des Hoheliedes:
„Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.“
Neugierig geworden? Lest unseren Blog!
26. Januar 2026
Was schenkt ein Vater seinem Sohn?
Segen und Fluch von Büchernachlässen
„Was schenkt ein Vater seinem Sohn? Ein Buch! Das hat er schon.“ So schrieb es Erich Kästner in seinem Gedicht „Der Schüler“. Und tatsächlich: Das ist heillos untertrieben! Denn in Wirklichkeit ist eine der größeren Herausforderungen für die nachwachsende Generation, mit den Bergen von Büchernachlässen zurechtzukommen, die auf sie kommen. In diesem Blog erfahrt Ihr, wie wir in der Provinzbibliothek damit umgehen, wenn wir vor dem Thema externe Büchernachlässe stehen. Diese Frage stellt sich uns zumeist, wenn Brüder versterben und offen ist, was mit deren Büchern geschehen soll. Bücherschenkungen von außen, so lieb sie auch gemeint sein mögen, nehmen wir de facto überhaupt nicht mehr an. Was also tun? Einfach so wegwerfen? Wie bemisst man den „Wert“ eines Buches?
Bis heute ist das Thema „Entsorgen von Büchern“ sehr emotional besetzt. Da spielt im besten Fall Respekt vor dem Druckwerk eine Rolle, es kann aber auch die Überlegung sein, wieviel doch möglicherweise die Anschaffung eines bestimmten Buches gekostet hat. Und weil es doch immer noch ganz gut aussieht, ist es unvorstellbar, das gute Stück wegzuwerfen. Oder vielleicht wirkt das Buch „alt“ im Sinne von altehrwürdig. Und alte Bücher sind doch bestimmt ganz wertvoll, wenn sie zum Antiquar gebracht werden. Denn möglicherweise steht da etwas Wichtiges ´drin, was verloren geht, wenn es einfach weggeworfen wird. Das sind sehr plausible und ehrenwerte Gedanken! Leider gehen sie an der Wirklichkeit vorbei.
Als Stichjahr für das, was man als „altes“ und als „neues“ Buch wertet, gilt das Jahr 1800. Das hat mit der Entwicklung des gedruckten Buches zum Massenprodukt zu tun. Eine immer breiter werdende Leserschaft wurde ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch neue technische Möglichkeiten immer besser zufrieden gestellt. Dabei spielte der Siegeszug der mit Druckzylinder und Dampfmaschine ausgestatteten Schnellpresse genauso eine Rolle wie die seit 1806 verbesserte Massenleimung des Papiers, das ab 1818 durch neue Papiermaschinen hergestellt wurde. Seit 1844 existierte das Verfahren des Holzschliffs für die Massenherstellung von Papier (1).
Einen weiteren Epochensprung in die Vermassung gedruckter Literatur bedeutete die „Erfindung“ beziehungsweise der „Siegeszug“ des Taschenbuchs, ausgehend von den Vereinigten Staaten von Amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Anm. 2).
Und trotz des Erfolgs der digitalen Medien spielen Druckerzeugnisse bis in die Gegenwart eine bedeutende Rolle. Ein Gang über die jährliche Frankfurter oder Leipziger Buchmesse macht sofort die Dimensionen des nach wie vor hohen Ausstoßes an Neuerscheinungen deutlich.
Als alt und auch kulturhistorisch potentiell wertvoll darf ein Buch also erst gelten, wenn es vor 1800 gedruckt ist. Punkt! Das ist aber nur ein Kriterium zur Bestimmung der Werthaltigkeit von Büchern.
Ein zweites Kriterium liefert die Frage nach den potentiellen Lesern. Also: Wer würde das Buch wo suchen, um darin tatsächlich zu lesen? Unsere Franziskanerbibliothek profiliert sich auf dem Feld von franziskanischen Autoren und Themen. Also ist es eine gute Idee, gerade bei uns danach zu suchen. Wir haben schon im Beitrag über das Profil unserer Bibliothek darüber geschrieben, weil wir selber immer wieder darüber staunen dürfen, wie gut unsere Vorgänger und Vorgängerinnen gesammelt haben. Für uns sind also alle Bücher aus dem franziskanischen Kosmos „wertvoll“, weil wir sie sammeln. Aber nur, wenn wir sie noch nicht haben! Denn auch unser Stellplatz ist begrenzt.
Aber natürlich macht die Tatsache, dass jemand gezielt zu einem Thema gesammelt hat, einen Buchbestand grundsätzlich in gewisser Weise wertvoll. Denn der Aufbau einer vollständigen Reihe setzt neben finanziellem Aufwand auch Geduld und Willen voraus. Tatsächlich ist es gar nicht immer so leicht, ein unvollständiges Reihenwerk zu komplettieren.
Den Ernstfall im Umgang mit einem wichtigen Büchernachlass eines Mitbruders hatten wir im vergangenen Jahr. Ein Mitbruder, bedeutender Professor im Fachbereich Neues Testament mit internationalem Renommee, war wegen seines fortgeschrittenen Alters aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Deutschland zurückgekehrt. Vor seiner Abreise hatte er schon ganz viele Bücher in den USA gelassen. Dennoch verfügte er immer noch über eine erlesene Handbibliothek mit einem neutestamentlichen Schwerpunkt. Dann verstarb er letztes Frühjahr.
Es war klar, dass seine Bücher weder alt waren, noch unserem franziskanischen Sammelschwerpunkt entsprachen. Wir haben sicherheitshalber überprüft, ob wir seine eigenen Publikationen alle haben. Aber die anderen Bücher konnten wir nicht aufnehmen. Also haben wir bei verschiedenen Universitäten angefragt, ob dort Interesse bestehe. Glücklicherweise war das so! So konnten wir die Büchersammlung nahezu geschlossen weitergeben. Wir freuen uns über die schöne Weiternutzung dieses besonderen Büchererbes!
Auf solche Netzwerklösungen setzt letztlich auch die offizielle kirchliche Regelung für den Umgang mit alten Büchern, die vor allem dann greift, wenn Ordenshäuser aufgelöst werden – anderes Thema, aber von den Grundüberlegungen her ähnlich!
Möglicherweise beginnt Ihr zu erahnen: Eine Fachbibliothek zu betreiben, heißt nicht, wahllos Bücher anzunehmen. Es bedeutet die Pflege eines bestimmten Buchbestandes! Das bedeutet Sammeln, Bewahren, Erschließen, Vermitteln. Im Falle von Büchernachlässen bedeutet es auch meist ein „Nein“.
Wenn Ihr mehr lesen wollt über Bücherkultur: Lest unseren Blog!
(1) Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Zweiter Band. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815-1845/49. Erste, durchgesehene Auflage der broschierten Studienausgabe 2008. 4. Aufl. München 2005, S. 520-532.
(2) Ebd., Fünfter Band. Bundesrepublik und DDR 1949-1990. München 2008, S. 386-390.
9. Dezember 2025
Ein Weihnachtsfest für Schreiber
Unser Jahresrückblick
Kaum zu glauben: Vor einem Jahr haben wir hier unseren ersten Blogartikel gepostet! Wir haben über eine alte, fiktive Bibliothek aus dem Jahr 1327 geschrieben. Wie Ihr mittlerweile wisst, geht es uns natürlich tatsächlich um die Gegenwart und vor allem die Zukunft unserer Bücher. Unser Herzensanliegen ist es, unsere Franziskanerbibliothek als Wissensspeicher, als Erbin und Bewahrerin von 800 Jahren franziskanischer Geschichte bekannt zu machen und zu öffnen. Aber was ist nicht alles in diesem Jahr passiert. Heute machen wir eine kleine Verschnaufpause und schauen mit Euch auf die Arbeit dieser zwölf Monate!
Vielleicht ähnelt das etwas der Verschnaufpause eines mittelalterlichen Ordensmannes, der im Skriptorium als Schreiber oder Illustrator arbeitet und jetzt die Feder aus der Hand legt? Er streckt sich, ein wenig schmerzen Augen und der Rücken. Und dann durchblättert er die Seiten, die er in diesem Jahr mit Text und Bild gefüllt hat.
Das große Jahresthema war für uns die Bestandserhaltung und die Rettung unserer Inkunabeln. Ihr wart mit dabei, als wir unsere Bücher verpackt haben. Es ging um den Antrag auf Fördermittel, Klimadaten, Ausräumen und Umgestaltung des Inkunabelraums bis hin zum vorläufigen Happy End, dass die Restaurierungsarbeiten demnächst abgeschlossen sein werden. Hier haben wir uns die kommende Weihnachtspause wirklich verdient!
Es gab aber auch ganz spezielle inhaltliche Highlights: einen Blick in unseren locus seperatissimus mit der durch P. Erhard Schlund ofm kritisch besprochenen nationalsozialistischen Literatur. Oder die Entdeckung und Besprechung der Frage: Was ist das eigentlich: „Franziskanerbibliothek“? Hier läuft immer noch die Sichtung unseres Gesamtbestandes. Uns interessiert, wie viele Franciscana, also Werke mit franziskanischem Inhalt oder aus der Feder eines Mitglieds der franziskanischen Familie quer über die Bibliothek (ausgenommen das Fach Franciscana) gestreut sind. Mittlerweile sind wir bei gut 1400 Titeln und über 470 Autorinnen und Autoren angekommen, und ein Ende ist nicht in Sicht!
Genauso habt Ihr etwas über „social media“ anno dazumal erfahren, nämlich über die wertvolle Quelle „Provinzzeitschrift“. Hier konnten wir uns freuen, dass mit der Thuringia Franciscana eine weitere der ehemaligen Provinzzeitschriften teilweise digitalisiert wurde und nun online zugänglich ist.
(Bildnachweis links: Skriptorium Echternach, Public domain, via Wikimedia Commons)
Hinter den Kulissen fanden aber auch die Vorbereitungen für ein weiteres wichtiges Kapitel statt. Das ist aber so wegweisend, dass wir bestimmt noch den ein oder anderen Blog darüber schreiben werden: Wir wurden in den Bayerischen Bibliotheksverbund (BVB) aufgenommen, dem über 150 zumeist wissenschaftliche Bibliotheken angehören. Alle unsere Neuzugänge werden wir ab sofort direkt im Verbundkatalog katalogisieren, wo sie dann gefunden werden können – mitsamt der Info, dass das gesuchte Werk (auch) bei uns steht. Hier erhoffen wir uns eine erhöhte Sichtbarkeit unserer teilweise sehr raren Bestände. Bis wir mit all unseren 120.000 Büchern, Inkunabeln und Handschriften im Verbundkatalog zu finden sind, wird es allerdings noch dauern, denn die technische Migrierung unserer bisherigen Datenbank in die große Verbunddatenbank ist noch einmal ein ganz eigenes großes Projekt, das uns lange begleiten wird. Bis es soweit ist, weisen wir gerne noch einmal auf unseren eigenen kleinen Online-Katalog hin, der die meisten unserer Bestände bis ca. 2021 enthält: https://bib-anna.franziskaner.net/
Eher eine Randnotiz war die glücklich verlaufene Lösung für den Büchernachlass eines verstorbenen Mitbruders. Der Bruder war Professor für Neues Testament und hatte eine ansehnliche Studienbibliothek hinterlassen. Die konnten wir schnell und problemlos an Interessenten aus der wissenschaftlichen Fachwelt weitergeben.
Aus der internen Statistik wissen wir, dass uns im vergangenen Jahr über tausend Leserinnen und Leser gefolgt sind. Über jede und jeden Einzelnen freuen wir uns sehr! Besonders stolz sind wir darauf, dass es sogar Menschen gab, die unser Engagement so gut fanden, dass sie es mit einer Spende unterstützt haben. Dafür ganz herzlichen Dank! Wir arbeiten dennoch daran, unseren Leserkreis zu erweitern und immer besser zu werden. Uns würde deshalb interessieren: Was hat Euch besonders gut oder eher weniger gefallen? Was würdet Ihr gerne hier lesen? Schreibt uns gerne unter [email protected]
Ganz zufrieden streichen wir als Schreiber und Illustrator über das Papier und beginnen uns auf die Weihnachtsferien zu freuen. Natürlich: Wir müssen schon noch die eine oder andere Zeile schreiben und unseren Arbeitsplatz aufräumen. Aber jetzt schon steht fest: Es war ein gutes Jahr!
06. November 2025
Rettung unserer Bücher III
Einsatz der Buchdoktoren
Erinnert Ihr Euch an unser „Feldlazarett“ für Bücher? Unseren Raum voller verpackter Inkunabeln? Im Februar und März hatten wir „Von den vier natürlichen Feinden des Buches“ und „Wie man Bücher wieder richtig auspackt“ erzählt. Damals haben wir geschrieben, dass jetzt alles davon abhängt, ob wir wirklich Mittel für eine Restaurierung bekommen. Unsere Geschichte ist gottlob gut weitergegangen! Denn unser Antrag für ein „Modellprojekt" bei der KEK ist tatsächlich bewilligt worden! So konnten wir nach dem Eingang der Förderungszusage endlich mit der Restaurierung unserer geschundenen Bücherschätze starten. Vor vielen Monaten hatten wir nur Erste Hilfe leisten können, jetzt kamen Fachleute, denen wir staunend über die Schulter geschaut haben. In diesem Blog geben wir einen kleinen Einblick in den Rettungseinsatz.
Am 22. September konnten die Restauratoren loslegen. Und zwar direkt hier vor Ort. Das erspart nicht nur den Büchern einen unnötigen Transport, sondern schont auch unser Budget. Um beim Bild des „Feldlazaretts für Bücher“ zu bleiben: Es wurde zunächst jeder Patient ausgewickelt und eine gründliche Anamnese erhoben. Exakte Maße, Materialität, Zustand von Einband und Buchblock, Schäden: wie viele, wie schwer, wo und wodurch? Dem Auge der Restauratoren entgeht nichts! Die Ergebnisse wurden – je eigens für Buchblock und Einband – säuberlich für jeden einzelnen Band dokumentiert: Verschmutzung, Risse, Fehlstellen, Tinten- und Farbfraß ... (Buchblock) bzw. Fraßschäden, Brüche am Deckel, Schimmel-, Säure-, Wasser- oder Ölschäden ... (Einband) – alles versehen mit der Diagnose „uneingeschränkt benutzbar“, „eingeschränkt benutzbar“ oder „unbenutzbar".
Gleichzeitig wurden die Bände fachmännisch gereinigt und die Restauratoren notierten bereits notwendige nächste Schritte und den ungefähren Arbeitsaufwand, den es benötigt, um den Patienten wieder auf die Beine zu bringen, sprich: mindestens eine eingeschränkte Benutzbarkeit des Buches herzustellen.
Erinnert Ihr Euch an unser „Feldlazarett“ für Bücher? Unseren Raum voller verpackter Inkunabeln? Im Februar und März hatten wir „Von den vier natürlichen Feinden des Buches“ und „Wie man Bücher wieder richtig auspackt“ erzählt. Damals haben wir geschrieben, dass jetzt alles davon abhängt, ob wir wirklich Mittel für eine Restaurierung bekommen. Unsere Geschichte ist gottlob gut weitergegangen! Denn unser Antrag für ein „Modellprojekt" bei der KEK ist tatsächlich bewilligt worden! So konnten wir nach dem Eingang der Förderungszusage endlich mit der Restaurierung unserer geschundenen Bücherschätze starten. Vor vielen Monaten hatten wir nur Erste Hilfe leisten können, jetzt kamen Fachleute, denen wir staunend über die Schulter geschaut haben. In diesem Blog geben wir einen kleinen Einblick in den Rettungseinsatz.
Am 22. September konnten die Restauratoren loslegen. Und zwar direkt hier vor Ort. Das erspart nicht nur den Büchern einen unnötigen Transport, sondern schont auch unser Budget. Um beim Bild des „Feldlazaretts für Bücher“ zu bleiben: Es wurde zunächst jeder Patient ausgewickelt und eine gründliche Anamnese erhoben. Exakte Maße, Materialität, Zustand von Einband und Buchblock, Schäden: wie viele, wie schwer, wo und wodurch? Dem Auge der Restauratoren entgeht nichts! Die Ergebnisse wurden – je eigens für Buchblock und Einband – säuberlich für jeden einzelnen Band dokumentiert: Verschmutzung, Risse, Fehlstellen, Tinten- und Farbfraß ... (Buchblock) bzw. Fraßschäden, Brüche am Deckel, Schimmel-, Säure-, Wasser- oder Ölschäden ... (Einband) – alles versehen mit der Diagnose „uneingeschränkt benutzbar“, „eingeschränkt benutzbar“ oder „unbenutzbar".
Gleichzeitig wurden die Bände fachmännisch gereinigt und die Restauratoren notierten bereits notwendige nächste Schritte und den ungefähren Arbeitsaufwand, den es benötigt, um den Patienten wieder auf die Beine zu bringen, sprich: mindestens eine eingeschränkte Benutzbarkeit des Buches herzustellen.
06. Oktober 2025
Altehrwürdig und doch taufrisch
Am 4. Oktober ist der Festtag des heiligen Franziskus. Deshalb soll unser Oktober-Blog ganz ihm gehören. Da können wir als Franziskanerbibliothek natürlich aus dem Vollen schöpfen: Wir stellen heute unsere wertvollste Handschrift vor!
Unscheinbar sieht sie aus, gerade einmal 17,5 × 11,5 cm groß, also vom Format her einem Taschenbuch vergleichbar; das Pergament vergilbt und abgegriffen, die Tinte an vielen Stellen stark abgerieben; schon auch alt, aber gar nicht so bedeutend, wie sie tatsächlich ist! Nämlich so bedeutend, dass wir sie aus konservatorischen Gründen für sämtliche Benutzung gesperrt haben und sicher im Tresor verwahren.
Denn diese Handschrift ist eines der ältesten franziskanischen Breviere überhaupt –noch nicht einmal die hl. Klara ist im Kalendarium eingetragen! Sie hat nämlich zum Zeitpunkt der Entstehung sehr wahrscheinlich noch gelebt. Die Schrift, eine frühe sog. Textualis (Rotunda), weist konkret nach Italien, und zwar ins zweite Viertel des 13. Jahrhunderts. Inhaltliche Merkmale des Breviariums lassen den Schluss zu, dass es circa 1235 geschrieben wurde, vielleicht sogar in Assisi selbst. Die Handschrift ging dann relativ früh vermutlich nach Rom, ehe sich ihre Spur über Jahrhunderte völlig verliert. 1899 taucht sie im Katalog des Münchner Großantiquars Ludwig Rosenthal wieder auf: In der ältesten Literatur wird die Handschrift deshalb noch als „Codex (Ludwig) Rosenthal“ bezeichnet, bei uns heißt sie schlicht 12° Cmm 1. Denn sie wurde um die Jahrhundertwende, das exakte Datum wissen wir leider nicht, vom Franziskanerkloster St. Anna gekauft. Die 5000 Mark, die das gute Stück laut Katalog gekostet hat, überstiegen damals den gesamten Jahresetat der Bibliothek! Eine Handschrift der Superlative also.
Der damalige Kaufpreis spiegelt die große Bedeutung dieses frühen Breviariums für den Franziskanerorden wider. Überhaupt enthält es die wahrscheinlich älteste Niederschrift des Reimoffiziums zum Festtag des hl. Franziskus aus der Feder des Franziskaners Julian von Speyer (+ 1250). Was ist nun wieder das: ein Reimoffizium?
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Ein Offizium umfasst die Gesänge der Tagzeitenliturgie, also des Stundengebetes, wie es in Orden und Klöstern bis heute gebetet wird. Ein Reimoffizium ist nichts anderes, nur mit metrischen und gereimten Versen: „Franciscus vir catholicus/et totus apostolicus ...“ reimte Julian von Speyer, der Franziskus selbst noch begegnet sein dürfte und unter Rückgriff auf die Franziskusviten von Thomas von Celano in weiten Teilen nicht nur den Text dichtete, sondern auch die spätgregorianischen Melodien komponierte. Als unsere Handschrift entstanden ist, war das Werk wahrscheinlich gerade erst vollendet. Darin „beschreibt Julian von Speyer das Leben des Franziskus und kommentiert es. Die Brüder in den größeren Konventen sangen dieses Offizium, in den kleineren Gemeinschaften wurde es bis zur letzten Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil rezitiert“, erläutert Liturgiewissenschaftler Br. Johannes Maria Pfister ofm. „Im Grunde lernten ihn in den fast 800 Jahren viele Franziskanerbrüder nur über die Liturgie und diese Texte kennen.“ (1)
Br. Johannes Maria initiierte eine CD-Einspielung des Reimoffiziums und anderer liturgischer Gesänge zum Fest des hl. Franziskus, die die erste vollständige Aufnahme dieses spätgregorianischen Repertoires darstellt.
Neugierig geworden, wie es jahrhundertelang in den Franziskanerklöstern geklungen hat? Dann klickt oben rechts auf das Video. Links seht ihr den Anfang des Offiziums in unserer Handschrift: ein schönes Beispiel dafür, wie ein so alter Texte auf einmal wieder ganz frisch in die Gegenwart kommen kann!
Wollt ihr noch weitere Geschichten in dieser Art hören? Verfolgt unseren Blog!
(1) https://radioklassik.at/programm/sendeformate/archiv/1208/
Weitere Infos zur CD-Einspielung: https://www.franziskanisch.net/allgemein/franciscus-vir-catholicus/
18. September 2025
Franziskanerbibliothek - was ist das?
„Aber sagt mir, nach welcher Reihenfolge sind die Bücher hier aufgeführt?“ fragte William von Baskerville den Bibliothekar bei Lektüre des voluminösen Standortkatalogs: „Nach Sachgebieten doch offenbar nicht.“ Nein, im Katalog jener geheimnisvollen Benediktinerabtei, so lernt William, waren die Bücher nach der Reihenfolge ihres Erwerbs, also nach dem Zeitpunkt ihres Eingangs in die Bibliothek aufgeführt. Und der kluge Franziskaner erkennt sofort: Bei einer so großen Menge an Büchern gerät damit das Finden eines einzelnen Buches in der verwinkelten Bibliothek zu einer kniffligen Aufgabe. Da muss es also ein Geheimwissen geben, das dem Bibliothekar jener Klosterbibliothek die Arbeit erleichtert. Nicht zuletzt von der Entschlüsselung dieses Geheimnisses lebt dann die weitere Spannung in Ecos Roman „Der Name der Rose“.
Im wirklichen Leben von Bibliothekaren geht es weniger mysteriös zu. Dennoch ist die Frage nach der Aufstellung und Erfassung von Büchern in einer Bibliothek bis in die Gegenwart die Schlüsselfrage bibliothekarischer Arbeit schlechthin. Das leuchtet jedem ein: Ab einer gewissen Anzahl von Büchern verlierst du den Überblick. Aber nach welchem Kriterium will man seinen Bücherschatz ordnen? Im Roman „Der Name der Rose“ geschieht die Ordnung nach der geographischen Herkunft der Autoren. So sind dann auch die Räumlichkeiten organisiert: nach Erdteilen. Kann man – zumindest im Roman – so machen. Geläufiger sind aber andere Systeme. Und die verraten sehr viel über die Menschen, die die Bücher sammeln und hüten.
Dieser Beitrag will zeigen, dass es bei Katalogisierung und Ordnung von Büchern um noch weit mehr geht als eine organisatorische Frage. Dadurch wird dann auch die Besonderheit unserer eigenen Bibliothek greifbarer.
Auch in Franziskanerklöstern hat nämlich die Aufstellung nach Fächergruppen jahrhundertelange Tradition. Die Sammelschwerpunkte alter Franziskanerbibliotheken lagen bei Predigtliteratur, Askese und praktischer Theologie. Also bei Themen der Seelsorge und des eigenen geistlichen Lebens. Historische Bibliothekskataloge ehemaliger Franziskanerklöster erzählen uns aber nicht nur viel über den Buchbestand, sondern auch über die Systematik der damaligen Bibliotheken, die in Bayern mit der Aufhebung der Klöster durch die Säkularisation verloren gingen. Dem 1786 angelegten Katalog des Franziskanerklosters Berchtesgaden zufolge waren die Bücher dort nach 16 Fächergruppen (Classes) aufgestellt: von Skripturistik (Classis I) über die diversen theologischen Fächer bis zu Geschichtsschreibung, Naturwissenschaft, Philologie und schließlich die separierten Libri prohibiti (verbotene Bücher) (Classis XVI). Darunter gab es auch – und zwar gleich hinter der Bibelliteratur als „Classis II“ eingeordnet – das Fach Regula, das für Ordensregeln, Ordensstatuten und -auslegungen sowie Autoren bestimmt war, die „vor allem über die Regel schreiben“. Das war in Berchtesgaden eine kleine Abteilung mit nur 26 Titeln, von denen einige die Prämonstratenser und Jesuiten betreffen, die meisten aber den Franziskanerorden.
Und dennoch: Eine eigene Abteilung Franciscana, die ganz der Regel, Geschichte und Spiritualität des Franziskanerordens gewidmet ist, gab es dort nicht und, so zeigt u.a. auch der alte Bibliothekskatalog des ehemaligen Franziskanerklosters Hammelburg (1), dies blieb bis ins späte 19. Jahrhundert auch andernorts so.
Und dann wurde gewissermaßen auf einmal das Fach Franciscana "erfunden"! Die Anfänge davon in der Münchener Bibliothek lassen sich ins Jahr 1904 datieren. In diesem Jahr wurde ein eigener Katalog für „Bücher, die sich auf den Ordo seraphicus beziehen“, angelegt, und zwar auf Betreiben des Historikers und späteren Provinzials P. Heribert Holzapfel.
Alle sorgsam darin aufgeführten franziskanischen Zeitschriften, normativen Texte, Werke zur Geschichte des Franziskanerordens und einzelner Ordensprovinzen sowie zu allen Aspekten des franziskanischen Lebens und Wirkens trugen nun die Signatur „Franc.“, d.h. sie bildeten nun in der Bibliothek eine eigene Abteilung. Der Katalog wurde über Jahre weitergeführt und zeigt, wie stark die Zahl der „Franciscana“ anwuchs. Viele noch leere Seiten lassen erahnen, dass man weit in die Zukunft plante. Aus Perspektive der Geschichtsschreibung ist die Einführung dieser Grundordnung von großer Bedeutung, weil sie die unmittelbare Vorarbeit für Holzapfels epochales Werk „Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens“ bildete.
Es ist eine spannende Frage, was diese „Erfindung“ eigentlich ausgelöst hat. Wir suchen eigentlich immer noch nach den Erklärungen dafür. Möglicherweise war es eine Folge der bewussten Entscheidung, sich dem eigenen Ordensvater nicht mehr nur als dem Heiligen der Katholischen Kirche, sondern eben auch als einer historischen Person zu widmen.
Heute ist aber gerade diese Signaturgruppe das Aushängeschild der Provinzbibliothek, denn nirgendwo in Deutschland findet man mehr franziskanische Literatur. Vielleicht noch in der Diözesanbibliothek Münster, der vor einigen Jahren die komplette Provinzbibliothek der Sächsischen Franziskanerprovinz geschenkt wurde. Und wir sammeln in München gezielt weiter! Anders als unter Heribert Holzapfel haben wir das Spektrum, was zu den „Franciscana“ gehört, allerdings weiter gefasst. Dazu gehören jetzt alle Titel, die Geschichte und Wirken aller Mitglieder der großen franziskanischen Familie zum Gegenstand haben. Und: Sämtliche Werke, die von einem Franziskaner, einer Klarisse, Kapuziner oder Minoriten ... geschrieben oder herausgegeben wurden, zählen wir ebenso zu den Franciscana – egal zu welchem Thema.
Mit dieser Definition im Kopf betrachten wir die Bibliothek und ihren Bücherbestand nun näher. Wir wollen wissen: Wie „franziskanisch“ ist eigentlich die Provinzbibliothek außerhalb der Signaturgruppe Franciscana? Dafür wird seit dem Oktober 2024 Abteilung für Abteilung durchgeschaut und überprüft, welche der Bücher auch nach 1850 unter unsere Definition von Franciscana fallen: sei es durch ihren Inhalt oder durch Autorenschaft, Herausgeber- oder Übersetzertätigkeit. So erhoffen wir uns ein Abbild des breiten Wirkens und schriftlichen kulturellen Erbes der franziskanischen Familie.
Nach einer Durchsicht von nunmehr gut einem Drittel des Bestandes außerhalb der Signatur Franciscana kann man durchaus von einer umfassenden „franziskanischen Durchdringung“ der gesamten Bibliothek sprechen! Wir haben jetzt schon knapp 400 verschiedene franziskanische Autoren mit gut 1200 Titeln identifiziert. Das heißt im Umkehrschluss: Sollte jemand eine Publikation eines ganz bestimmten Franziskaners, einer Klarisse, eines Kapuziners oder Minoriten suchen: Kommen Sie zu uns. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Buch haben, ist hoch.
Neugierig geworden? Lest unseren Blog und verfolgt unsere Geschichte!
(1) Nikola Willner, Die Erschließung der Bibliothek des Franziskanerklosters Altstadt bei Hammelburg. Ein Werkstattbericht, in: Wissenschaft und Weisheit 81 (2018), S. 179-204, S. 184, 204.
08. August 2025
Franziskanisches Social Media von anno dazumal
Was macht man heute, wenn man sich mit Gleichgesinnten vernetzen will? Ganz einfach! Man gründet eine Gruppe bei einem Messenger und lädt seine Kontakte dazu ein. Dann können alle, die dazu gehören, etwas in diesen digitalen Raum stellen. Ganz leicht wird so in einem abgesteckten Rahmen Leben geteilt. Wird so mehr oder weniger gleichermaßen im privaten und im dienstlichen Kontext Tag für Tag gemacht. Und wie lief das früher? Die deutschen Franziskanerprovinzen haben zwischen 1920 und 1930 Provinzzeitschriften gegründet, die exakt diese Funktion hatten.
Hier spielt eine Eigenart des Ordens eine ganz bedeutende Rolle: Franziskaner leben eben nicht in „dem“ einen Kloster, sondern immer in einem Verband aus Häusern, zwischen denen die Brüder hin- und her versetzt werden.
„Erfunden“ hat das Medium Provinzzeitschrift dann die Sächsische Franziskanerprovinz. Es war der 1. Januar 1920, als der damalige Provinzvikar P. Lukas Koch die erste Ausgabe der „Vita Seraphica“ mit einem Geleitwort versah. Den damaligen Gewohnheiten entsprechend gab er die Anweisung, dass diese Zeitschrift während der Mahlzeiten bei Tisch zu verlesen sei. Zu dieser Zeit pflegte man noch die so genannte Tischlesung und sprach nur ausnahmsweise während des Essens. Praktisch im Jahrestakt folgten die anderen Franziskanerprovinzen: 1921 ging „Bei St. Franziskus“, die Zeitschrift der Thüringischen Ordensprovinz, an den Start. Sie änderte ihren Namen im Jahr 1929 in „Thuringia Franciscana“. Die Bayerische und die Schlesische Franziskanerprovinz folgten im Jahr 1922 mit den „Verba Vitae et Salutis“ und der „Seraphischen Warte“. Als im Jahr 1929 die Kölnische Franziskanerprovinz nach über einhundert Jahren Dornröschenschlaf wieder die Augen öffnete, gab auch sie sich mit der „Rhenania Franciscana“ eine Provinzzeitschrift.
Warum schreiben wir das heute eigentlich? Die aufmerksamen Besucher unserer Homepage werden es längst wissen: Unter dem Reiter Digitalisate findet Ihr mit der Ausnahme der Seraphischen Warte tatsächlich alle diese Publikationen als frei zugängliche und lesbare Texte. Zuletzt sind „Bei St. Franziskus“ und die älteren Jahrgänge der „Thuringia Franciscana“ dazu gekommen.
Das wurde möglich, weil die Universitätsbibliothek Regensburg ein von der Europäischen Union gefördertes Digitalisierungsprojekt betrieben und mit uns zusammengearbeitet hat. Bei den Digitalisaten aus der Thuringia hat uns eine Kooperation mit der Hochschul- und Landesbibliothek Fulda geholfen. Nochmals ein herzliches Dankeschön!
Übrigens: Wir suchen jetzt nur noch nach jemandem, der die "Seraphische Warte", die Provinzzeitschrift der Schlesischen Franziskanerprovinz, digitalisieren, online bereit stellen oder eine Digitalisierung finanzieren möchte.
Was ist nun das Wertvolle an diesen Provinzzeitschriften? Dieses Medium ist praktisch ein Geheimtipp und eine Fundgrube für alle historisch interessierten Menschen. Denn Provinzzeitschriften sind für die Ordensgeschichte deutscher Franziskaner im 20. Jahrhundert praktisch „die“ Quelle. Hier wurden nicht nur die Jahresberichte der Häuser oder die Erfahrungen in den Missionsgebieten veröffentlicht, sondern auch sehr ausführlich geschriebene historische Beiträge mit wissenschaftlichem Anspruch oder Debattenbeiträge zu aktuellen Zeitfragen. Hier finden sich auch die Nachrufe auf praktisch alle im 20. Jahrhundert verstorbenen Mitbrüder.
Natürlich können die Provinzzeitschriften auch vor Ort bei uns in der Provinzbibliothek eingesehen und benutzt werden, aber Digitalisate haben natürlich ihren eigenen Reiz. Da sie bequem vom heimischen Schreibtisch benutzbar und tatsächlich sogar mit Suchfunktion ausgerüstet sind oder als PDFs heruntergeladen werden können, bereitet unsere Homepage für Familien- und Lokalhistoriker geradezu ein Festmahl.
Neugierig geworden? Lest weiter unseren Blog und verfolgt unsere Geschichte!
15. Juli 2025
Vom Segen des Aufräumens
Eine besonders bunte Blüte unseres westlichen Lebensstils ist die Erfindung des Berufs „Aufräumberater“ oder „Aufräumberaterin“. Tatsächlich wird sogar momentan in der Literatur und den öffentlichen Medien über mindestens eine regelrechte Aufräumpriesterin gesprochen. Kurzum: Das Aufräumen hat für manche Menschen mittlerweile sakralen Status erhalten!
Ganz so heilig geht und ging es in unserer Provinzbibliothek nicht zu – und das, obwohl sie eine echte Klosterbibliothek ist. Unbestreitbar haben wir dennoch in den letzten zwei Jahren den Segen des Aufräumens erfahren. Darum geht es in diesem luftig-sommerlichen Blogbeitrag!
Eigentlich haben wir zwei Räume neu geordnet: Das Büro der Bibliothek und die so genannte Inkunabelkammer.
Angefangen hat es vor zwei Jahren mit dem Büro. Im Rückblick sind wir immer noch stolz auf unsere Leistung von damals. Tatsächlich haben wir uns 2023 dazu gezwungen, Rechenschaft darüber zu geben, was wir eigentlich mit dem großen Büroraum anfangen wollen. Nach vielen Jahrzehnten stand ganz einfach mal eine grundsätzliche Revision an. Also haben wir generalstabsmäßig geplant, was die zukünftigen Aufgaben unseres Büros sein sollten und wie es sich ansprechender gestalten ließe.
Drei Ziele schälten sich heraus: Es sollte der Arbeitsplatz für die Mitarbeiterin sein, die die Bibliothek direkt vor Ort verwaltet, aber auch "Lesesaal“ für unsere Altbestände und drittens ein Treffpunkt, wo man strategisch, aber entspannt mit Nutzern und Kooperationspartnern über die Fragen rund um die Bibliotheksbestände sprechen kann.
Als mindestens genauso bedeutsam hat sich nun diesen Sommer die Neuordnung der Inkunabelkammer – unser „Locus separatus“ – erwiesen.
Bei der Inkunabelkammer fing es unter der Überschrift „Bestandserhaltung“ mit der Reinigungswoche im letzten Jahr an, über die wir schon ergiebig erzählt haben. Die dabei angekündigte Umräumaktion für eine verbesserte Unterbringung der Bücher haben wir nun im Juni tatsächlich durchgeführt. Wie und wo wir was gestellt haben, orientierte sich nicht an den Regeln des Feng Shui, sondern ganz an den Bedürfnissen der empfindlichen Objekte:
Das Raumklima ist dabei nur ein Aspekt. Vom Restaurator haben wir gelernt, dass alte Bücher und Schriften de facto zu Feuchtigkeitsfiltern verkommen können, wenn sie zu nahe am Fenster oder an Außenwänden stehen. Schwere Großfolianten wiederum lagert man am besten im Liegen. Für Beides haben wir Lösungen gefunden und den dazu notwendigen neuen Platz gewonnen – nämlich nicht zuletzt, indem wir auch die Bestimmung des „locus separatus“ neu definiert haben: Künftig werden dort nur nur noch unsere besonders alten und schützenswerten Bestände aufbewahrt. Viele Bände, auf die diese Kriterien nicht zutrafen, haben wir deshalb ins Magazin zurückgestellt.
Das Umräumen und Ausmisten erwies sich zusätzlich als Quelle vieler neuer Erkenntnisse. Unser Blogbeitrag vom letzten Monat hat schon einen kleinen Eindruck davon geliefert, wie es uns ergangen ist. Tatsächlich war die Wiederentdeckung des alten NS-Bestandes nur einer von mehreren Funden.
Grundsätzlich haben wir über Bibliotheksarbeit gelernt: Es geht doch mitunter um deutlich mehr als um den rein geistigen Umgang mit Büchern. Gelegentlich ist auch der Einsatz von Muskelkraft zwingend erforderlich, schafft im Nachgang aber auch hohe Zufriedenheit. Nicht zuletzt verdient unser Hausmeister ein großes Extralob!
Was übrigens bei der ganzen Angelegenheit interessant ist: Wir wandeln auf den Spuren der Franziskaner, die vor über 120 Jahren die Bibliothek neu geordnet haben. Aber darüber wird es noch einen eigenen Blogbeitrag geben.
Neugierig geworden? Dann lest weiter unseren Blog!
10. Juni 2025
Der "Locus separat(issim)us"
oder: von der "Bekämpfung von Schmutz und Schund"
In Umberto Ecos „Der Name der Rose“ spielt eine Geheimkammer für besondere Bücher eine verdeckte Hauptrolle. Erst ganz am Ende wird das Rätsel um diese gelüftet. Besondere Orte für spezielle oder sogar verbotene Bücher beflügeln schon immer die Vorstellungskraft vieler Menschen. Alles nur Fantasie? Reden wir nicht lange ´drum herum: Natürlich nicht! Schon unsere historischen Bibliothekskataloge zeigen, dass es „libri prohibiti“ (verbotene Bücher) nicht nur bei Umberto Eco oder in Hogwarts, sondern natürlich auch in Franziskanerbibliotheken gab. Auch die Provinzbibliothek hat einen eigenen abgeschlossenen Raum. Dessen Bestände tragen das Signaturkürzel l.s.: locus separatus. Also auf Deutsch: der abgetrennte oder abgeschiedene Ort. Nur! Wenn so etwas im Katalog steht, kann es mit dem Geheimnis nicht allzu weit her sein. Denn hier stehen eben nicht völlig unbekannte oder verschollene Handschriften klassischer Autoren, die ein blinder Mönchs-Bibliothekar durch Mord und Totschlag beschützt. Aber es handelt sich um unsere wertvollen Altbestände und Rara, die man nicht jedem in die Hand drückt. Soweit, so wenig geheimnisvoll. Aber im locus separatus gibt es noch einen besonderen Ort: Von ihm und seinem Geheimnis handelt dieser Beitrag.
Es geht um einen abgeschlossenen Stahlschrank. Sozusagen ein locus im locus, ein locus separatissimus!
Als wir die Bibliothek vor zwei Jahren übernommen haben, wussten wir um diesen Schrank. Wir hatten auch die Schlüssel und haben hin und wieder einmal ´reingeschaut. Auf die spannende Geschichte darin sind wir aber erst gestoßen, als wir dort für die Rettung unserer Bücher begonnen haben, systematisch aufzuräumen.
Es ging los mit dem Fund eines Zettels: „NS-Literatur, unsortiert“. Und in der Tat stapelten sich, gut verborgen hinter und unter allerlei Sammelsurium, über 100 Publikationen aus der dunkelsten Zeit Deutschlands. Eine kleine Titelauswahl gefällig? „Deutschland in Ketten. Von Versailles bis zum Youngplan“, „Ich kämpfe. Die Pflichten des Parteigenossen“, „Mann und Weib. Ihre Beziehungen zu einander und zum Kulturleben der Gegenwart“. So was gehört tatsächlich weggeschlossen!
Aber Moment mal! Wenn das also nicht für jedermann gedacht war – wer hat es gelesen?
Ein vergessener, wichtiger Nutzer der Bibliothek mit einer besonderen Aufgabe. Der Name P. Erhard Schlund (1888-1953) sagt heute niemandem mehr etwas, zu seinen Lebzeiten ging allerdings der Witz um, dass dieser Franziskaner im Rahmen einer Moskaureise Josef Stalin in den Dritten Orden aufgenommen habe. P. Erhard war ein aus Niederbayern stammender, in München promovierter Theologe, der alle geistigen Strömungen seiner Gegenwart mit sehr wachem Geist wahrnahm. Der Titel seiner Promotion lautete: „Die philosophischen Probleme des Kommunismus“. Deshalb wohl auch der Stalin-Witz. Er las praktisch alles und kommentierte es. So kam es zum Beispiel auch dazu, dass er im Oktober 1923 im Rahmen einer Artikelserie das Thema „Der Münchener Nationalsozialismus und die Religion“ behandelte. Er stellte fest, dass eine Partei, die Hass predigt, unchristlich sei. Sein Beitrag datierte noch vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch und fußte auf einer Lektüre des Parteiprogramms der NSDAP.
Offenbar gefiel P. Erhards wacher Blick erst dem Münchener und dann allen deutschen Bischöfen. Denn 1928 wurde er zum Vorsitzenden eines Gremiums, das sich mit der Sichtung und Bewertung der aktuellen kulturellen und politischen Bewegungen in Deutschland aus katholischer Perspektive befasste: das Consilium a vigilantia. Die Ergebnisse dieser Lektüre wurden den deutschen Bischöfen in über mehr als 1300 Rundschreiben mitgeteilt. Das Consilium hatte die „Bekämpfung von Schmutz und Schund“ (1) zum Zweck. Dabei kam der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine immer stärkere Bedeutung zu.
Wen wundert es, dass P. Erhard ab einem gewissen Zeitpunkt diverse Gestapo-Verhöre und Hausdurchsuchungen über sich hat ergehen lassen müssen? Verrückterweise kam aber die Gestapo nie dahinter, dass das eigentliche Büro des Consilium überhaupt nicht im Münchener Franziskanerkloster, sondern in der benachbarten Oettingenstraße lag. Das führte wohl dazu, dass die Gestapo zwar Schlunds Schreibmaschine und die Bücher aus seinen Räumen in St. Anna beschlagnahmte, nicht aber die Bücher aus seinem Büro. Dieses blieb auch verschont, als Kloster und Bibliothek am 3. Oktober 1943 nach einem Bombenangriff abbrannten.
Im Jahr 1940 wurde dem Consilium a vigilantia vom NS-Regime verboten, die Bischöfe über diese Rundschreiben weiter zu informieren. Es wurde dann ein anderer Weg der Information gefunden, sodass sich ein Katz- und Mausspiel zwischen Gestapo und P. Erhard entwickelte, der nur knapp der Verhaftung und Verbringung ins Konzentrationslager entging. Ein schwerer Schlaganfall bereitete dann aber seiner Tätigkeit im Jahr 1943 vorerst ein Ende, ehe das Consilium dann im Jahr 1948 seine Tätigkeit offiziell einstellte.
Für die NS-Literatur in der Bibliothek gab es danach keine Verwendung mehr, sie war im Gegenteil ein schwieriges Erbe. So wurden die Bücher irgendwann in den Stahlschrank weggesperrt, und, so stand auf einem Vermerk, ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben. Unser Stahlschrank war also ein „Giftschrank“! Wir haben diese Bücher mittlerweile herausgeholt, weil sie uns dort Platz wegnehmen. Sie haben jetzt im Fach „Apologetica“ einen anderen Platz in der Bibliothek. Dort stehen sie nicht nur als ein Stück Bibliotheksgeschichte in finsterer Zeit, sondern erinnern gleichzeitig an Erhard Schlund als einen bedeutenden intellektuellen Gegner des Nationalsozialismus.
Mal schauen, was wir beim nächsten Mal entdecken! Begleitet uns auf unserer Entdeckungsreise und lest unseren Blog!
(1) Erhard Schlund, Die Tätigkeit des Consiliums a vigilantia, in: Verba vitae et salutis 23 (1953), S. 98-103, hier 98.
Weitere Literatur:
- Edelbert Kurz, Nachruf P. Erhard Schlund, in: Verba vitae et salutis 25 (1954), S. 83-86.
- Michael Fellner, Pater Erhard Schlund OFM (1888–1953) und seine Auseinandersetzung mit der völkischen Bewegung und dem Nationalsozialismus, in: GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte 5 (2001), S. 65–125.
15. Mai 2025
Von lost places und lost persons
Schatzsuchen elektrisieren Groß und Klein! Versunkene Schiffe oder Städte, alte Gemäuer oder Ruinen umweht per se der Hauch des Geheimnisvollen. In der Gegenwart spricht man in diesem Zusammenhang bevorzugt von „Lost places“. Und natürlich gibt es das auch in München! Von einem besonderen „Lost place“ und ihrem berühmtesten franziskanischen Bewohner geht es in diesem Beitrag: Wilhelm von Ockham! Der macht sogar heute noch Schlagzeilen und: Wir bewahren einen Teil seines Erbes.
Mitte Februar geisterte plötzlich besagter Wilhelm Ockham aktuell durch die überregionale Presse. Und das, obwohl er schon rund 700 Jahre tot und begraben ist. Sein Grab hat dieser bis in die Gegenwart einflussreiche Philosoph nämlich in München gefunden. Aus den Quellen wissen wir, dass Ockham 1347 „in choro ante altare“, also im Chor der Klosterkirche der Franziskaner bestattet wurde, und zwar konkret ganz links vor dem Hauptaltar. Aber die Kirche gibt es heute nicht mehr. Das gesamte Areal des alten Münchener Franziskanerklosters am Max-Joseph-Platz wurde 1803 abgerissen. Über der Stelle des ehemaligen Chors der Klosterkirche tummeln sich heute Musikliebhaber im Foyer der Bayerischen Staatsoper. Dieser wichtige Ort, an dem neben Ockham unter anderem auch Michael von Cesena († 1342, bis 1328 Generalminister, also Leiter des Gesamtordens) bestattet lag, ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein „lost place“.
Nur, wer war dieser Mann? Der aus England stammende Wilhelm Ockham war 1330 zusammen mit seinen Mitbrüdern Bonagratia von Bergamo († 1340) und besagtem Michael von Cesena im Gefolge Kaiser Ludwigs IV. „der Bayer“ als Flüchtling von Italien nach München gelangt (übrigens reiste noch ein Franziskaner mit: Im Gepäck des Kaisers befand sich die Oberarmreliquie des hl. Antonius von Padua, die er den Münchener Franziskanern zum Geschenk machte). Tatsächlich hatte sich der Gelehrte zuvor nicht nur mit den einflussreichen Denkern seiner Zeit, sondern im „Armutsstreit“ auch mit dem Papst höchstpersönlich angelegt. An der Seite des Kaisers machte das Münchener Franziskanerkloster in jenen Jahren Weltgeschichte! Aber die Geistesgeschichte hat Ockham dann nach seinem Tod im Jahr 1347 entweder verketzert oder bejubelt – das lag jeweils am Standpunkt des Betrachters: als einen Vorreiter von Reformation und Aufklärung. Zur Wahrheit gehört allerdings: Ockhams Denken ist alles andere als trivial. Was er schrieb, ist mitunter wirklich hochspekulativ und schwer verständlich.
Jetzt wirbt eine Privatinitiative um den bekannten Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl für die Errichtung eines Denkmals, um an den gelehrten Franziskaner zu erinnern: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-ockham-max-joseph-platz-gedenken-li.3200119.
Was hat das mit uns zu tun? Eine ganze Menge! Denn, wie wir schon im allerersten Blog geschrieben haben: Wir stehen in St. Anna ja in Kontinuität des alten Franziskanerklosters am Max-Joseph-Platz. In „unserer” Klosterkirche ruht nicht nur die erwähnte Antoniusreliquie, sondern „wir” haben auch Ockham. Zumindest einige frühe Ausgaben seiner Schriften. Wirklich alte Stücke! Zum Beispiel Inkunabeln aus dem Jahr 1494/95 oder eine Handschrift, die am Ende des 14. Jahrhunderts verfasst wurde. Von zahllosen jüngeren Studien und Ausgaben seiner Werke ganz zu schweigen. Deshalb haben wir uns Wilhelm Ockham gleichsam zum Aushängeschild und zur Visitenkarte unserer Bibliothek gemacht.
Als Motiv haben wir das zeitgenössische handschriftliche Titelschild eines Sammelbandes aus unserer Bibliothek gewählt, der gleich zwei Ockham-Inkunabeln enthält: einmal den „Dialogus“, gedruckt 1494 in Lyon in der Werkstatt von Johann Trechsel; und zum anderen das „Opus nonaginta dierum“ mitsamt Michael von Cesenas „Epistola ad Ludovicum Bavarum Imperatorem“, gedruckt 1495 ebenfalls in Lyon bei Johann Trechsel. Diese Werke waren am Ende des 15. Jahrhunderts echte „Bestseller“! Das ist daran zu erkennen, dass allein die genannte Druckausgabe des „Dialogus“ heute noch in 152 Bibliotheken weltweit und dort oft in mehreren Exemplaren nachgewiesen ist. Geschrieben wurden alle genannten Werke im Münchener Franziskanerkloster. Ockham begann den ersten Teil des „Dialogus“ 1332. Unter diesem Titel schrieb er mehrere Traktate in Dialogform nieder, die sich mit den brennenden kirchenpolitischen Fragen der Zeit, vor allem mit den Häresien Papst Johannes‘ XXII. beschäftigen. Auch im „Opus nonaginta dierum“, seiner ersten politischen Streitschrift, noch vor dem „Dialogus“ verfasst, wettert er in Verteidigung Michaels von Cesena gegen den Papst. Noch Jahrhunderte später wurde ihm eine „hitzige Feder“ attestiert (München, BSB, Cgm 3248, p. 192).
Wie ernst das noch heute genommen wird, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2019. Der bekannte deutsche Philosoph Jürgen Habermas schreibt: „Wilhelm von Ockham gehört zusammen mit Marsilius von Padua und Dante Alighieri zu den ersten öffentlichen Intellektuellen, die sich damals als ein neuer Sozialtypus herausbilden.” (1) Man kann mit Habermas über Ockhams Positionen zum Minderheits- oder Mehrheitsprinzip bei Abstimmungen staunen und fasziniert sein von seinen Gedanken zu einer kategorischen Ablehnung der Legitimität von despotischer Herrschaft. Das ist inhaltlich hochaktuell!
Über die die Rezeptionsgeschichte der genannten Inkunabeln und zur Besitzgeschichte des Sammelbandes erzählen wir sicherlich ein anderes Mal weiter. Heute geht es uns aber um etwas anderes: eine weitere Antwort auf die Frage „Warum beschäftigt Ihr Euch eigentlich mit diesen alten Büchern?”
Ist doch klar! Ockham ist uns Aushängeschild und Visitenkarte, weil schnell deutlich wird, wie relativ das ist: eben noch verloren gegangen und vergessen – jetzt aber auf einmal öffentlich und brandaktuell. Und natürlich beeindruckt auch heute noch das Zeugnis eines Menschen, der sich getraut hat, selbst zu denken, und der für seine Gedanken auch persönlich eingestanden ist.
Lost places und lost persons können wiedergefunden werden!
Aber immer gilt die Faustregel: „Der wichtigste historische Überlieferungsträger des abendländischen Wissens ist das Buch.” (2) Und nur, was überhaupt überliefert wurde, kann wiederentdeckt werden.
In dieser Hinsicht ist unserer Bibliothek eine echte Schatztruhe alter Überlieferungen! Wenn Ihr Lust habt, weiter mit uns darin zu kramen, verfolgt unseren Blog!
(1) Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie. 2 Bde, Berlin: Suhrkamp, 2019, hier Bd. 1, S. 829.
(2) Armin Schlechter: Texträger, archäologisches Objekt und Mosaikstein. Was bleibt vom alten Buch? in: Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen, hrsg. von Uwe Jochum /Armin Schlechter, Frankfurt a. Main 2011 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliografie; Sonderband 105), S. 101-114, hier: 101).
11. April 2025
ProvBi meets Uni
Wie künftige Kodikologen ausgebildet werden
Wer ihn schon mal erlebt hat, weiß wovon die Rede ist: den ehrfürchtigen Schauer, der den Rücken herunter rieselt, wenn man ein wirklich altes Dokument vor sich hat! Egal, ob Handschrift oder Druck. Dieser Kitzel bleibt ein Leben lang. Wer das noch nicht kennt: Achtung! Das hat hohes Suchtpotential! Auf einmal beginnt man zu ahnen: Diese alten Schätze sind wie Zeitmaschinen, die uns direkt in die Vergangenheit katapultieren, und es sind besonders spannende Momente, in einem Archiv oder einer Bibliothek für Altbestand etwas Neues, Unbekanntes zu entdecken.
Allerdings reicht Gefühl alleine zum Lesen alter Texte dann doch nicht! So folgt für den Laien angesichts einer alten Schriftquelle zumeist ein sehr ernüchternder Moment: Was steht da eigentlich überhaupt? Wie soll ich das bloß entziffern? Und wie komme ich an das heran, was mir das Buch neben seinem Inhalt erzählen kann (Ihr erinnert euch an den Januar-Blog!)? Textzeugen früherer Epochen wie beispielsweise aus dem Mittelalter sind eben in Form von Handschriften oder Urkunden, meistens auf Latein und in einer für den Laien unleserlichen Schrift überliefert.
Genau hier muss mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Es steht heutzutage eben nicht alles im Internet und nicht jeder Text ist schon in leicht lesbarer Form gedruckt worden. Bis in die Gegenwart werden außerdem immer noch unbekannte, alte Manuskripte entdeckt. KI-unterstützte Software zur Schrifterkennung entwickelt sich zwar weiter, letztlich ist man aber auf sich selbst gestellt. Wer also alte Handschriften nicht nur bestaunen, sondern sich wissenschaftlich mit ihnen beschäftigen will, braucht ein ganzes Bündel fundierter Fachkenntnisse zu deren Entschlüsselung. Allzu wenige Universitäten in Deutschland haben noch eigene Lehrstühle, die diese Historischen Grundwissenschaften lehren. Sehr schade!
Was hat das alles mit uns zu tun? Nun, wir haben halt mittelalterliche Handschriften. Diese Schätze wollen wir aber nicht nur bewahren, sondern nach Möglichkeit zugänglich machen. Außerdem möchten wir als Bibliothek unseren Beitrag leisten, dass wissenschaftlicher Nachwuchs für die Grundlagenforschung ausgebildet wird. Irgendjemand muss all das Unentdeckte in den Bibliotheken (auch unserer!) und Archiven ja ans Licht holen und erschließen!
Das trifft sich nun gut. Zunächst einmal gibt es wie gesagt fast keine Lehrstühle mehr, wo man das Handwerkszeug für den Umgang mit den alten Texten lernen kann. Aber in München gibt es einen: die Professur für Historische Grundwissenschaften am Historischen Seminar der LMU. Und eine Herausforderung bleibt für die Lehrenden überall: Es ist sehr schwierig, Lehrveranstaltungen an und mit historischen Beständen anbieten zu können. Hier helfen wir gerne aus!
Also haben wir uns sehr gefreut, als im vergangenen Sommersemester Prof. Dr. Martin Wagendorfer, Inhaber der Professur für Historische Grundwissenschaften, mit einer Lehrveranstaltung bei uns zu Gast war: Anhand unserer Originale sollten seine Studierenden in die Grundlagen der Handschriftenkunde (Kodikologie) eingeführt werden. Nicht nur über den Inhalt einer Handschrift Auskunft geben zu können, sondern auch fundierte Aussagen zu deren Entstehungszeit und -ort sowie Besitzgeschichte zu treffen: Das braucht spezifische Kenntnisse, Erfahrung und Übung.
Am 14. Juni 2024 kamen die sieben Studierenden und ihr Professor zum ersten Mal in die Provinzbibliothek. Gut vorbereitet, sehr interessiert! Im Vorfeld hatten sie schon verschiedene Aspekte der Kodikologie kennengelernt und wussten also bereits, dass eine mittelalterliche Handschrift nicht bloß Überlieferungsträger von Texten ist, sondern in sich selbst ein komplexes historisches Objekt darstellt. Grund genug, zunächst überhaupt „Berührungsängste“ – im wahrsten Sinne des Wortes – im Umgang mit Originalen abzubauen.
Ehe man sich nun dem Inhalt einer Handschrift widmet, gilt es zunächst, sich mit ihrer Materialität zu befassen: Wie groß ist die Handschrift, wie viele Blätter hat sie? Ist der Beschreibstoff Papier oder Pergament? Wie ist die Handschrift strukturell aufgebaut? Ist sie aus mehreren unabhängigen kodikologischen Teilen (Faszikeln) zusammengesetzt?
Konzentriert gingen die Studierenden daran, diese Basisangaben „ihrer“ Handschrift zu dokumentieren und deren Aufbau, die Lagen, zu bestimmen und in der im deutschsprachigen Raum gebräuchlichen Formel aufzuschreiben.
Worauf daneben nicht alles zu achten ist! Sei es die Anordnung von Pergamentblättern (Haarseite/Fleischseite), Custoden und Wortreklamanten, die Gestaltung des Schriftspiegels, die Anzahl der Schreiberhände oder die Schrift selbst: Die Studierenden lernten, dass jedes vielleicht noch so unwichtig erscheinende Detail an einer Handschrift Hinweise zu ihrer Entstehung, Verwendung oder Überlieferung geben kann und deshalb nach bestimmten Richtlinien dokumentiert werden muss. Bewusst wurden fortgeschrittene Lehrinhalte wie die Bestimmung von Wasserzeichen bei Papierhandschriften, die Beschreibung von Einbänden, Einbandmakulaturen, Provenienzmerkmale, Schreibervermerke oder die Unterscheidung von Schreiberhänden und Schriftdatierung noch ausgespart. Kodikologie ist eben keine Sache nur einer Lehrveranstaltung, zumal es ja auch gilt, den Inhalt einer Handschrift genau so gründlich zu untersuchen. Hier kommen dann paläographische und philologische Kenntnisse zum Tragen: Welchen Text habe ich vor mir? Ist er noch öfter überliefert und gibt es davon Drucke oder kritische Editionen? Wenn ja, weicht mein Textzeuge auffällig ab, ist er bearbeitet oder kommentiert? Wo finde ich Literatur zu diesem Text?
Anscheinend müssen die Studierenden an der Kodikologie Gefallen gefunden haben. Denn trotz der hohen Anforderungen haben sich sechs Teilnehmer an der Übung dafür entschieden, einen Schein zu machen und eine schriftliche Hausarbeit anzufertigen. Sie kamen dann am Freitag, den 19. Juli mit Prof. Wagendorfer ein weiteres Mal in die Bibliothek, um das Erlernte zu vertiefen und die Handschrift kennenzulernen, die ihnen jeweils zugeteilt wurde und von der sie eine kodikologische und inhaltliche Beschreibung anzufertigen hatten.
Wir waren gerne Gastgeber für die zukünftigen Handschriftenforscherinnen und -forscher!
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06. März 2025
Rettung unserer Bücher II
Wie man Bücher wieder richtig auspackt
Wäre das Leben ein Film, hätte am Ende des letzten Blogs dramatische Musik in Moll einsetzen müssen. Dazu eine gefilmte Totale von unseren erschrockenen Gesichtern. Aber dann der Wechsel der Stimmung in Dur: Auftritt der Superheldin oder des Superhelden mit dem Namen „Book-Saver“. Und mit ungeahnten Superkräften wird praktisch auf einen Schlag wieder alles gut!
Nun ist das Leben aber kein Film und wir standen stumm vor einer Wand mit mehr oder weniger schwer geschädigten Büchern, die wir selber in weißes Seidenpapier verpackt hatten. Was tun?
Heute erfahrt Ihr, was bei Schimmelbefall zu tun ist, wenn gerade keine Superhelden zur Verfügung stehen. Wir haben unterschieden in Sofortmaßnahmen und die Planung einer nachhaltigen Rettung. Das ist vielleicht nicht so spektakulär wie im Film, findet dann aber tatsächlich statt!
Sofortmaßnahmen
Als erste Maßnahme nach dem Verpacken mussten wir unsere Inkunabeln für die Benutzung und überhaupt auch den Zutritt zum Inkunabelraum sperren. Die Bücher sind ja verpackt und so ohnehin nicht benutzbar, es darf außerdem niemand durch umherfliegende Schimmelsporen gesundheitlich gefährdet werden. Schon bei der Reinigungs- und Verpackungsaktion haben wir außerdem mit einer Schadenskartierung begonnen. Das ist nichts anderes als eine tabellarische Auflistung der Bände mit Verzeichnis der festgestellten Schäden. Unterschieden werden dabei exogene und endogene Schäden. Endogene Schäden hatten wir kaum zu verzeichnen. Das sind Schäden, die aus dem verwendeten Material selbst entstehen, beispielsweise, wenn säurehaltiges Papier anfängt zu zerfallen. Oder, wie in unserem Fall, wenn eisenhaltige Tinte, mit der in die Bücher geschrieben wurde, oxidiert und zum gefürchteten Tintenfraß führt. Exogene Schäden wiederum sind jene, die einem Buch von außen zugefügt wurden. Dazu zählen neben mechanischen Schäden Verschmutzung, Wurmfraß, Wasserschäden, Stockflecken und Schimmel. Hier hatten wir leider viel zu schreiben.
Als zweite Maßnahme haben wir die Klimaüberwachung im Inkunabelraum verbessert. Zwar konnten wir anhand der sichtbaren alten Wasserschäden in den Büchern mutmaßen, was da eigentlich schief gelaufen war. Aber wir müssen auch präventiv dafür sorgen, dass durch das Raumklima keine weiteren Schäden auftreten. Das alte analoge Hygrometer, das in einem der Regale lag, hatte seine besten Tage allerdings schon hinter sich. Deshalb haben wir in einen digitalen Datenlogger investiert. Das ist ein Messgerät für Profis, mit dem sich die Entwicklung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit in einem Raum über einen längeren Zeitraum überwachen und auf dem Computer auslesen lässt. Das Gute im Schlechten: Nach einer Weile konnten wir ausschließen, dass das Raumklima einen Anteil an den Schäden hatte, aber die Luftfeuchtigkeit ließe sich dennoch optimieren.
In dem Raum stand ja noch ein alter Luftentfeuchter, der aber, wie wir feststellen mussten, nicht richtig funktioniert. Der hat zwar beeindruckend gebrummt, aber nichts entfeuchtet! Also haben wir auch den gegen ein neues Gerät getauscht.
Und wo wir gerade schon mal am Überprüfen waren, haben wir präventiv auch gleich IPM-Fallen aufgestellt. „IP-was?“ Dieses Kürzel steht für Integrated Pest Management und bedeutet letztlich, dass wir durch Pheromonfallen überwachen, ob wir ein Problem mit Schädlingen haben. Ihr erinnert euch bestimmt noch an die vier Feinde des Buches aus dem letzten Beitrag! Solche Fallen sind relativ preiswert im Internet-Fachhandel zu erstehen. Dann weiß man relativ schnell, woran man ist.
Planung einer nachhaltigen Rettung
Das alles löste uns allerdings nicht die beiden Grundprobleme: Wie bekommen wir es hin, dass unsere Bücher nicht noch weiter kaputtgehen? Wie kann man sie wieder benutzbar machen?
Wir haben uns Hilfe geholt! Durch Vermittlung durch Archiv und Bibliothek des Erzbistums München und Freising bekamen wir schnell Kontakt zu einem auf Altbestand spezialisierten Restaurator. Der hat eine Begehung durchgeführt, bei der wir genau wissen wollten: Was können Sie uns über die Art und die Schwere der Schäden sagen? Wie bekommen wir die Bücher wieder benutzbar? Haben Sie Tipps, wie wir die Lagerung unserer Bücher noch verbessern können? Und nicht zuletzt: Was kostet das alles? Dafür haben wir zwei Angebote bekommen. Bei seinen Lösungsvorschlägen wurde deutlich: Auch hier hängt ganz viel davon ab, was man eigentlich will. Man hat gewissermaßen die Wahl zwischen der Luxuslimousine und dem Mittelklassewagen. Geld kostet es aber in jedem Fall!
Nun gibt es glücklicherweise eine eigene Koordinierungsstelle des Bundes für den Erhalt schriftlichen Kulturgutes. Das ist die so genannte KEK! Wer dazu mehr wissen will, kann alles im Internet finden: https://www.kek-spk.de/ Dort werden verschiedene Förderlinien angeboten, um historische Buchbestände zu erhalten oder zu restaurieren. Wir haben etwas Zeit investiert und sorgfältig geprüft, um zu schauen, was für uns in unserem Fall das Beste sein könnte. Wir haben uns für einen Antrag für die „Förderung von Modellprojekten zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland“ entschieden. Für ein Modellprojekt also! So ein Antrag kann jährlich immer bis Ende Januar gestellt werden. Aktuell wird unserer dort gerade geprüft.
Gleichzeitig haben wir uns zum Ziel gesetzt, den Inkunabelraum im Juni umzuräumen. Denn: Wenn wir Erfolg mit unserem Antrag haben, dann werden die geschädigten Bücher ja für eine Weile aus dem Raum zum Restaurator gebracht. Das eröffnet Möglichkeiten, dort die Regale neu und besser zu stellen, um eine nachhaltig verbesserte Unterbringung zu gewährleisten. Damit das aber wie am Schnürchen laufen kann, laufen aktuell noch andere Vorarbeiten. Zum Beispiel wird gerade überprüft, welche Bücher in dem Raum stehen, die vielleicht gar nicht mehr dort stehen müssen.
Aber natürlich steht und fällt alles damit, dass der Antrag bei der KEK genehmigt wird. Ein echter Cliffhanger! Ein bisschen wie im Film ist es also doch. Wir sind gespannt!
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07. Februar 2025
Rettung unserer Bücher I
Von den vier natürlichen Feinden des Buches
Unser Buch aus dem letzten Blogbeitrag kann stolz auf eine „Lebensgeschichte“ von 520 Jahren verweisen.
Aber stellt Euch mal vor, wie Ihr selber ausseht, wenn Ihr 520 Jahre alt seid! Sicherlich nicht mehr so frisch wie am ersten Tag. Denn Bücher, so wurde schon unser William von Baskerville belehrt, sind „gebrechliche Wesen, sie leiden unter dem Zahn der Zeit, sie fürchten die Nagetiere, die Unbilden der Witterung, die plumpen Hände ungeübter Benutzer.“ (Umberto Eco, Der Name der Rose. München, dtv, S. 29). Da sind sie: die vier natürlichen Feinde des Buches!
All das macht das Thema „Bestandserhaltung“ zu einem zentralen Thema von Bibliotheksarbeit. Wer mag, kann dazu einen sehr abstrakten Wikipedia-Beitrag lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Bestandserhaltung
Oder: Ihr lest in diesem Blogbeitrag heute, wie es uns damit ergangen ist, als wir dieses Thema ganz oben auf unsere Tagesordnung gesetzt haben.
Unser erstes Jahr in der Bibliothek ab dem Juni 2023 war damit ausgefüllt, einen Überblick auf den Zustand des Gesamtbetriebes zu bekommen. Dabei haben wir uns auch viel externen Rat geholt: Bayerische Staatsbibliothek, Diözesanbibliothek München-Freising, Diözesanbibliothek Köln und Unibibliothek Eichstätt.
Ein ganz wichtiges Thema, das sich schnell in den Vordergrund gedrängt hat: Wie wollen wir die Bestandserhaltung anpacken?
Das war schon auch eine Neuerung! Weil bei uns die Bücher in eigens dafür gebauten Räumlichkeiten stehen, dachte man: Die stehen hier gut: Da passiert nichts!
Dennoch bekam das Thema einen festen Platz auf der Tagesordnung unserer wöchentlichen Dienstgespräche. Wir haben dabei unterschieden in kurzfristige und langfristige Maßnahmen. Eine weitere Unterscheidung war die Trennung in Schadensprävention und Umgang mit schon vorliegenden Schäden. Ist ja auch logisch: Es ist besser, Schäden im Vorfeld zu vermeiden, als sie dann im Nachgang reparieren zu müssen.
Faszinierenderweise sind die vier Hauptfeinde des Buches, über die William von Baskerville belehrt wird, brandaktuell. Mehrere konkrete Dinge sind wir sehr schnell angegangen:
„Der Zahn der Zeit!“ Das hat häufig mit Sonneneinstrahlung zu tun. Grelles Licht ist Gift für altes Papier. Also haben wir die Fenster des Raums, in dem unsere Inkunabeln stehen, so verdunkelt, dass der wertvolle Altbestand vor UV-Licht geschützt ist.
„Die plumpen Hände ungeübter Benutzer!“ Die kultivieren wir jetzt durch professionelle Hilfsmittel. Für eine fachgerechte Benutzung alter Bücher besitzen wir jetzt Schaumstoffkeile und Bleischnüre.
„Die Nagetiere!“ Dafür haben wir uns eine Tiefkühltruhe für alte Bücher angeschafft. Dazu später mehr!
Und schließlich noch: „Die Unbilden der Witterung“. Ein sehr heimtückisches Thema.
Zum Umgang damit haben wir eine Großreinigungswoche für Bücher und Bibliothek terminiert. Besonders anschauen wollten wir uns dabei die sehr alten Bücher, zu denen unser Sammelband aus Marienweiher gehört.
Dafür haben wir Hilfe bekommen: Tatsächlich reinigt man alte Bücher auch mit Spezialwerkzeug. Dafür gibt es eigene Staubsauger, Bürsten, Schwämmchen und, sofern nötig, eigenes Verpackungspapier. Außerdem sollte man sich selber durch Spezialkleidung schützen. Hier hat uns die Diözesanbibliothek München-Freising einen Spezialstaubsauger zur Verfügung gestellt – vielen Dank! Alles andere bestellten wir im spezialisierten Online-Handel.
Reinigen ist deshalb so wichtig, weil vor allem Schimmel besonders gut in verschmutzten Büchern gedeiht. Außerdem verhindert man zusätzlich das Aufkommen von Schädlingen. Das ist übrigens auch der Trick mit der Kühltruhe! Jede Bibliothek, die mit alten Büchern umgeht, hat so eine Tiefkühlgelegenheit. Denn: Ab minus 20 Grad gefriert Eiweiß. Das hält kein Bücherwurm aus! Auch bei akuten Wasserschäden hat Gefriertrocknung schon so manches Buch gerettet.
Sollte ein Buch aber von Schimmel befallen sein, wird es in spezielles Seidenpapier eingeschlagen und so quasi verpackt. Das verhindert nicht nur eine Ausbreitung des Schadens, sondern verhindert eine Kontamination benachbarter Bestände und der Atemluft mit Schimmelsporen.
Dann kam also die Reinigungswoche! Was sich im Vorfeld schon abgezeichnet hat, wurde leider zur niederschmetternden Gewissheit:
Unsere Inkunabeln müssen mindesten einmal massiv die „Unbilden der Witterung“, das heißt ganz konkret einen großen Wasserschaden miterlebt haben. Möglicherweise war das teilweise schon während des Zweiten Weltkriegs, als ein Teil des Münchener Bestands in Bad Tölz ausgelagert war. Wasserschäden in Verbindung mit Schmutz: idealer Nährboden für Schimmel. Und Schimmel lebt und wächst! Er ist eine echte biologische Zeitbombe. Für das Buch selber, aber eben auch für die Nutzer. Denn Schimmel ist immer potenziell gesundheitsgefährdend, weshalb betroffene Bücher als erste Maßnahme komplett für die Benutzung gesperrt werden müssen.
Das Gemeine: Bei uns war das offenbar schon lange her. So ist in aller Stille über die Jahre echter und wirklich bedrohlicher Schaden an unseren Büchern entstanden!
Es hatte wirklich etwas Tragisches: Je länger wir gereinigt haben, umso länger sind unsere Gesichter geworden. Ein Buch nach dem anderen musste in Seidenpapier eingeschlagen werden – darunter auch unser Band aus Marienweiher. Jetzt sieht der Inkunabelraum aus wie ein Feldlazarett für Bücher: Ganze Wandflächen sind weiß von Seidenpapier!
Wird es gelingen, den Band aus Marienweiher und seine Schicksalsgenossen zu retten?
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17. Januar 2025
Ein Buch erzählt seine Geschichte
„Warum interessiert ihr Euch eigentlich für alte Bücher?“ Oder: „Weswegen betreibt ihr so viel Aufwand für diese alten Schinken? Das liest doch eh keiner mehr!” So könnte man uns fragen – und so werden wir auch gefragt. In diesem Blog-Beitrag erzählen wir euch eine Geschichte, um darauf zu antworten. Und natürlich: Am besten geht das mit der Geschichte eines unserer alten Bücher. Es steht hier in unserem so genannten Inkunabelraum und trägt die Signatur 8° Inc. 36. Im ersten Augenblick macht es keinen besonderen Eindruck. Allerdings lässt sich am stark verschmutzten Ledereinband erkennen, dass es in den letzten 520 Jahren durch viele Hände gegangen ist.
Nicht selten reagieren Menschen, die ein altes Buch gezeigt bekommen, sehr vorhersehbar. Zuerst kommt der begeisterte Ausruf: „Toll! Ist das sehr alt?“ Es wird dann vielleicht noch ein wenig darin herumgeblättert. Vielleicht sind ja sogar noch Bilder ´drin? Und das ist es auch schon. Dabei kann so ein Buch deutlich mehr erzählen – sogar ohne, dass man es lesen muss!!
Denn es hat mit der Zeit tatsächlich ein Eigenleben entwickelt, eine eigene Biographie.
Unser Buch ist zum Beispiel ein Sammelband und enthält drei Werke:
- eine sog. Postinkunabel aus dem Jahr 1502, einen Albertus Magnus zugeschriebenen mariologischen Traktat „Summa de laudibus Mariae“, gedruckt 1502 in Köln (für Profis: VD16 A 1356 ]
- eine Inkunabel, den Bernhard von Clairvaux zugeschriebenen „Liber Floretus“, ein moralisch-theologisches Lehrgedicht, gedruckt 1494 in Köln (international verzeichnet unter ISTC ib00394000. )
- eine sehr verbreitete Messauslegung aus der Feder von Wilhelm von Gouda, einem Franziskaner des 15. Jhs., gedruckt 1500 in Köln. „Sehr verbreitet“ heißt in diesem Zusammenhang: Es gibt alleine 26 Druckausgaben vor 1500, von denen diese Ausgabe weltweit noch dreißig Mal nachgewiesen ist: ISTC ig00631000. )
Das heißt im Umkehrschluss: Da hat sich jemand die Mühe gemacht, drei sehr unterschiedliche Drucke unter einen Buchdeckel zu bringen – zu einer Zeit, wo der Buchdruck, die „schwarze Kunst“, noch ein ganz junges Handwerk war. Das provoziert doch geradezu die Fragen: Wer war das? Wo ist das geschehen? Und nicht zuletzt: warum?
Solche Sammelbände gibt es häufig aus dieser Zeit. Meistens sind darin Werke aus unterschiedlichen Druckereien oft kunterbunt zusammengebunden. Zufällig stammen alle drei Werke in diesem Band aber aus derselben Druckerei, nämlich Heinrich Quentell in Köln. Heinrich Quentell stirbt 1501. Das erste Werk, die „Summa de laudibus Mariae“, wurde aber 1503 gedruckt, als die Söhne Quentells die Werkstatt unter gleichem Namen übernommen hatten.
Der Ort Köln ist aber möglicherweise kein Zufall! Denn, wo hat Albertus Magnus gewirkt und wo ist er begraben? Köln! Und auch Wilhelm von Gouda hatte einen Bezug zu Köln: Als seine Messauslegung gedruckt wurde, lebte er nämlich noch und war Franziskaner der Kölnischen Franziskanerprovinz.
Wie und wo haben aber diese drei einzelnen Drucke zusammengefunden? Zahlreiche Buchbinderwerkstätten des Spätmittelalters haben ihre Ledereinbände mit eigenen Blindstempeln verziert, anhand derer sich heute mit etwas Recherchearbeit die Werkstätten identifizieren lassen. Dieser Einband führt uns nach Heidelberg (Werkstatt „Blumenstock Raute I“ Heidelberg [EBDB w000110]). Dort wurden also die drei Werke zusammengebunden und der Einband mit den beiden noch erhaltenen Schließen versehen. Die frühen Drucke hatten also schon ihre erste Reise gemacht: Von Köln nach Heidelberg (rund 240 km).
Warum ausgerechnet dorthin? Heidelberg, seit 1386 Studentenstadt! Dort gab es natürlich einen Markt für – in diesem Fall theologische – Fachliteratur. Tatsächlich wurde unser Buch von einem Theologie-Studenten gekauft. Das wissen wir! Denn er nennt sich in einem Eintrag auf dem hinteren Spiegel (so nennt man den inneren Teil der beiden Buchdeckel) selbst: 1503°. Emptus per me fratrem Vrbanum Frais Heydelberga. Ein Frater Urbanus Frais hat also dieses Buch in der jetzt uns vorliegenden Form 1503 in Heidelberg gekauft. Und tatsächlich: In den Heidelberger Matrikeln aus diesem Jahr ist er entsprechend verzeichnet mit dem Zusatz: de Lanckheym Bambergensis diocesis. Er stammte also aus (Kloster) Langheim, heute Stadtteil von Lichtenfels in Oberfranken.
Wir wissen nicht, wie es euch geht, ob ihr euch Notizen in eure Büchern macht oder dies eher als Unsitte betrachtet. Für die heutige Forschung sind Benutzerspuren, also Anmerkungen, Notizen und Kommentare mitunter von hohem Aussagewert. Urbanus Frais hat zwar den Inhalt seines Buches nur spärlich kommentiert. Aber: Auf einer der hinteren Seiten hat er uns neben Buchstaben des Alphabets, die wohl Federproben sind, die Anfangszeilen des Vaterunser auf Deutsch hinterlassen. Außerdem hat er im vorderen Spiegel eine Liste seiner Heidelberger Mitstudenten aus dem Jahr 1503 angefertigt und teilt uns mit, dass seine Determinatio, also die Abschlussprüfung, am Samstag nach Maria Himmelfahrt 1504 (= 17. August 1504) stattfand.
Spannend wäre natürlich zu wissen: War unser Frater Urbanus Frais Zisterzienser aus der heimischen Abtei Langheim? Dafür würde nicht nur der Herkunftsvermerk „de Langkheim“ und der Schreibdialekt des deutschen Vaterunsers sprechen, der eher ins südlichere Deutschland verweist. Auch der Umstand, dass das Buch nach erneuter Wanderschaft (weitere 260 km) und viele Jahre später plötzlich in Franken auftaucht, könnte ein Beleg dafür sein.
Denn aus einem weiteren Besitzeintrag geht hervor, dass es sich 1671 im Besitz des Pfarrers Johann Jakob Gerhard befand. Im Jahr zuvor hatte er im katholischen Stadtsteinach (Lkr. Kulmbach, Franken] eine völlig desolate Pfarrei übernommen. Im Dreißigjährigen Krieg war die Kirche verwüstet und geplündert worden, die Gemeinde war notleidend. Noch dazu befand sich Stadtsteinach in direkter Nachbarschaft zu den protestantischen Markgrafen von Kulmbach, woraus sich auch noch gegen Ende des 17. Jhs. – vor allem im Zuge der Markgrafenkriege – immer wieder gewaltsame Konflikte ergaben. Johann Jakob Gerhard starb 1697 und ist in der Pfarrkirche in Kronach bestattet. Sein Testament wird heute im Staatsarchiv Bamberg aufbewahrt. Wie spannend wäre es doch, einen Blick hineinzuwerfen, um zu sehen, was mit seinen Büchern geschah
Unser Buch wechselte nämlich erneut den Ort, blieb aber zunächst in Franken! Es kam zeitnah – möglicherweise nach dem Tod von Jakob Gerhard – ins direkt benachbarte Franziskanerkloster Marienweiher. Das lag nur rund 10 km Luftlinie von Stadtsteinach entfernt und war erst im Jahr 1646 gegründet worden. Es gehörte allerdings in dieser Zeit organisatorisch zur Straßburger Ordensprovinz und war zunächst nur eine kleine Seelsorgestation. Erst im Jahr 1699 wurde das Kloster zum Konvent erhoben.
Diese Besitzerwechsel von Frater Urbanus zu Johann Jakob Gerhard ins Franziskanerkloster Marienweiher laden zu ganz vielen Fragen ein: Immerhin! Wir befinden uns im 16. und 17. Jahrhundert! Reformation und katholische Reform, Dreißigjähriger Krieg!
Doch die Geschichte geht noch weiter: Unser Buch ist offenbar lange in Marienweiher in der Bibliothek stehen geblieben. Und das war nicht selbstverständlich! Denn das Kloster wurde im Jahr 1802 säkularisiert. Das Ordensleben sollte in dieser Zeit komplett abgeschafft werden. Aber wohin mit den bisherigen Ordensleuten? Man gründete so genannte „Aussterbeklöster“. Da steckte man Ordensleute hinein und zahlte ihnen bei strengem Verbot, Novizen aufzunehmen, eine staatliche Pension. Nicht selten beließ man bei dieser Gelegenheit die Bibliotheken im Haus: Die älter werdenden Ordensleute sollten ja schließlich etwas zu lesen haben. Im Freistaat Bayern bringt das bis heute die heikle Frage mit sich, wem denn dann die Bücher eigentlich heute gehören.
Mit König Ludwig I. von Bayern erlebte das Ordensleben aber rund zwanzig Jahre später im Jahr 1827 einen Neuanfang. Er ließ auch die Franziskaner wieder zu. Das führte dazu, dass das Kloster im oberfränkischen Marienweiher erst jetzt „richtig“ bayerisch, sprich Teil der Bayerischen Franziskanerprovinz wurde. Mit den noch dort verbliebenen alt gewordenen Franziskanern der Straßburger Provinz wurden auch die alten Bücher gewissermaßen „bajuvarisiert“. Und dazu zählte auch unser Exemplar hier. Ihm war dann in Marienweiher noch über 150 Jahre Standortgeschichte vergönnt. Wer es in dieser Zeit in die Hand genommen hat? Wissen wir nicht! Es wird aber möglicherweise zu Beginn nur noch eines von wenigen Büchern im Haus gewesen sein. Doch wird ihm nicht entgangen sein, dass es ab der der Mitte des 19. Jahrhunderts auf einmal Konkurrenz von ganz vielen anderen Büchern in benachbarten Regalen bekam. Was war passiert? Die Massenproduktion von Druckerzeugnissen hatte eingesetzt: die Einführung der maschinellen Druckerpressen und ab 1844 der Holzschliff in der Papierproduktion.
Jetzt war es nur noch ein altes Buch unter vielen neuen Büchern mit viel aktuelleren Themen. Wer interessierte sich jetzt noch für die Theologie des 14. Jahrhunderts oder Wilhelm von Gouda? Unser Buch ist damals möglicherweise noch ob seines ehrwürdigen Alters bewundert worden, aber: Ob es überhaupt noch gelesen wurde? Die Einführung des Taschenbuches in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das sicherlich nochmals verstärkt. Irgendwann war unser Buch auf jeden Fall einfach nur noch im Weg!
Möglicherweise war es dann im Jahr 1983, als es seine bisher letzte Reise nach München antrat (einmal mehr 260 km). Denn in diesem Jahr hat die Bayerische Franziskanerprovinz das Kloster in Marienweiher der Schlesischen Ordensprovinz überlassen. Bei dieser Gelegenheit wurden die alten Bücher in die Provinzbibliothek nach München gebracht. Auch unser Buch.
Dieses Buch oder seine Einzelteile haben also in 520 Jahren bis heute eine Reise von 770 km hinter sich gebracht: von Köln nach Heidelberg, von dort vielleicht nach (Kloster-)Langheim, schließlich nach Stadtsteinach, weiter nach Marienweiher und von dort zuletzt nach München. Diese Reise bringt ganz viele Fragen mit sich. Wir haben nur einige angerissen. Das Verrückte: Mit so einer Geschichte kann so ein altes Buch auch auf Fragen antworten, die uns heute noch gar nicht beschäftigen. Die Fragen sind schier endlos und betreffen nicht alleine die eigene Geschichte der Franziskanerprovinz.
Ohne, dass wir uns überhaupt mit dem Inhalt des Buches beschäftigt haben, hat es ganz viel zu sagen! Hier schlummert also Potenzial.
Vielleicht beginnt ihr zu ahnen, warum wir von der Bibliothek sagen: Wir wollen dieses Potenzial unseres Altbestandes nach außen viel bekannter machen und zum Leben erwecken – beispielsweise, indem wir auf die universitäre Forschung und Lehre zugehen und die Bestände hier unkompliziert zugänglich machen.
Aber leider: Die Gegenwart unseres Buches bietet noch Stoff für Drama. Denn seine Geschichte geht nämlich weiter!
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4. Dezember 2024
Natürlich, eine alte Bibliothek!
Anno Domini 1327. Ein wissbegieriger Franziskaner und sein Adlatus, eine düstere Benediktinerabtei irgendwo an den Hängen des Apennins und deren größter Schatz, die ebenso geheimnisvolle wie hermetisch abgeschlossene monumentale Bibliothek: Das kommt Euch sicherlich bekannt vor. Kein großes Rätsel: Es geht um die Geschichte von „Der Name der Rose”, dem faszinierenden Roman von Umberto Eco und seiner populären Verfilmung mit Sean Connery in der Rolle des William von Baskerville. Nur: Für uns ist diese Geschichte keine Vergangenheit. Sie findet, wenngleich mit veränderten Vorzeichen, auch heute statt!
Okay, zugegeben: Bei uns passieren keine mysteriösen Mordfälle.
Aber wie im Buch und im Film geht es auch bei uns um Franziskaner, vergessene und verborgene Bücher und deren Wiederentdeckung.
Die Öffnung einer „originalen” Franziskanerbibliothek ist sogar Programm. Wir wollen Öffentlichkeit für ihre Schätze. Mit dem zweiten Buch der Poetik des Aristoteles über die Komödie können wir zwar nicht dienen, sorry. Aber mit dem „echten“ William Ockham und Ubertin von Casale oder zumindest deren gedruckten Werken. Und alt ist unsere Bibliothek auch. Eines ihrer ältesten Werke stammt noch aus dem „alten“ Münchener Franziskanerkloster, das im Jahr 1284 am Max-Joseph-Platz errichtet und 1802 aufgelöst wurde. Das war übrigens das Kloster, in dem Ockham tatsächlich eine Zeit lang gelebt hat und in dessen Klosterkirche er begraben wurde!
Besagtes Buch und noch viele andere Werke fanden zusammen mit den Franziskanern nur wenige Jahre später eine neue Heimat in St. Anna im Lehel. Es geht also tatsächlich um das geistige Erbe und die Tradition der Franziskaner seit den Tagen des „Namen der Rose”. Nur: Bei uns ist die Geschichte eben nicht erfunden, sondern hat sich tatsächlich ereignet und geht sogar noch weiter!
Wir laden Euch ein, es Wilhelm von Baskerville und Adson von Melk gleichzutun und die Franziskanerbibliothek in München als Heimat unserer Bücher jeden Monat ein Stück besser kennenzulernen.
Und jetzt eine entscheidende Information: Wer sind “wir” überhaupt?
„Wir“ sind der Provinzbibliothekar der deutschen Franziskaner und eine Historikerin beziehungsweise Kodikologin. Seit einem Jahr stehen wir in der Verantwortung für einen ungehobenen Bücherschatz von 20.000 Bänden vom 12. bis ins 19. Jahrhundert. Unsere Ausgangslage ist dabei nicht weniger dramatisch als in „Der Name der Rose”: Denn viele der alten Bücher müssen aktuell sogar noch „gerettet” werden, damit sie wieder zugänglich werden. Der Zahn der Zeit hat gnadenlos genagt!
Hinzu kommt, dass wir zugeben müssen: So ganz wissen wir noch nicht einmal, welche Schätze bei uns noch gehoben werden können.
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